Memories of Jellicle Rats  

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Rattenschwänze und Bühnenlicht gehörten zu unserem Alltag; Vocal rest, Abschminkfett und Warm-up zu unserem Vokabular. Zehn Monate haben wir gemeinsam Ideen entwickelt, einander motiviert und kritisiert. Es war ein langer und intensiver Weg zu unseren Musical-Shows «Rats» im Roxy Birsfelden, doch es sind Erinnerungen, die wohl immer ein Teil von uns bleiben werden.

von Gina Pelosi (Text und Fotos)

Ich weine. Ein letztes Mal wende ich mich langsam hinkend von den Blicken unseres Publikums ab und sehe in die Gesichter meiner Rattenfamilie. Ich bewege mich zum letzten Mal im blauen Scheinwerferlicht an jedem einzelnen von ihnen vorbei, schaue in ihre Augen und spüre die Energie, die uns verbindet. Seit Wochen haben wir genau diese Szene, Grizabellas Tod, hunderte Male geübt. Doch heute Abend ist es anders. Ich sehe, wie die Blicke meiner Freunde durch das Ratten-Make-up durchdringen und sich vermischen mit ihrer Rolle. Während sich der Lichttunnel, der Grizabella in ein besseres Leben führt, vor mir öffnet, weiss ich nicht mehr, ob ich gerade «Grizabella the Glamour Rat» oder Gina bin.

Ratten?

«Phuu, irgendwie find ich keins vo dene Muscials toll!» Enttäuscht schauten wir uns zehn Monate zuvor in die Gesichter. In einer E-Mail hatten wir drei Musicals zur Auswahl erhalten, aus welchen wir eines für unsere Musical-Wahlkurs-Aufführungen im Februar 2020 auswählen sollten. Die Auswahl: nicht gerade beliebt bei uns. Das Budget für unseren Jahrgang war kürzer, als wir gedacht hatten, weshalb wir uns keine Lizenz für ein grosses Musical leisten konnten. Ziemlich unmotiviert und unzufrieden gingen einige von uns in unser erstes Meeting mit unserer Leitung vor den Sommerferien. Nachdem wir unsere zwei Lehrerinnen schon beim Casting kurz gesehen hatten, trafen wir Karolina Kowalska, kurz Miss K, und Franziska Baumgartner, Miss B, danach zur ersten Besprechung unseres Musicals. Nach einer hitzigen Diskussion entschieden wir uns schlussendlich für den Musical-Klassiker «Cats» von Andrew Lloyd Webber, umgewandelt als «Rats». In den nächsten Wochen mussten wir uns intensiv mit der Materie des Musicals auseinandersetzen und uns entscheiden, welche Rolle wir gerne verkörpern würden. Die Rollenverteilung erhielten wir dann während unserer Maturreise.

Rattenschwänze mit Taktgefühl

Was danach geschieht, ist zum einen die intensivste und herausforderndste Zeit unserer Gym-Karriere, doch zugleich auch die schönste. In Miss K’s Garten schreiben wir in einer Fünfergruppe über die Sommerferien unser abgeändertes Script. Neue Szenen entstehen, denn «Rats» ist nicht einfach ein Musical, sondern die Bühnenprobe eines Musicals. Bedeutet: Wir spielen nicht nur eine, sondern zwei Rollen: eine*n Schauspieler*in während der Bühnenprobe plus die Ratte, die diese*r verkörpert. Nach den Sommerferien folgen die Proben: jeden Mittwoch drei Stunden, das 21-stündige Probeweekend im November, Wochenendproben, Chorlager, Soloproben mit der Band. Singen, Tanzen, Schauspielen. Für die meisten von uns komplettes Neuland. Doch wir helfen uns gegenseitig. Alle übernehmen einen Job und gemeinsam formen wir langsam unser Musical. Eine Gruppe choreografiert unsere Songs und bringt sie uns bei. «Chasches nomol zeige?», «Langsamer bitte!», «Aber isch das würkli rattig?» und «Achtung, du stohsch uf mim Schwanz!», sind neue Sätze unserer Standardkonversationen. Hemmungen sind fehl am Platz, denn schon bald wachsen wir als Gruppe zusammen und konzentrieren uns gemeinsam auf die Entstehung von «Rats». Neben Maturaarbeit, Prüfungen und Schulstress wird der Mittwochnachmittag zum Höhepunkt unserer Woche. Nach jeder Probe spüren wir neue Energie und neuen Enthusiasmus, welche sich ins Unendliche zu steigern scheinen. Nach unserem holprigen Start folgt ein euphorischer Aufschwung. Doch mit dem Beginn des neuen Jahres bemerken wir, dass es ernst wird. Scheisse! Unsere Choreos und Texte sitzen nicht, gewisse Szenen haben wir noch NIE gespielt, eine Choreo haben wir noch gar nicht gelernt. Wir organisieren ohne Leitung selbständige Probetage im Januar und Februar. Vier Mal treffen wir uns von morgens bis abends im Foyer des Gymnasiums und versuchen gemeinsam unser Musical zu perfektionieren. Doch genau diese Probetage sind prägend für unseren Zusammenhalt. Wir stellen das Musical gemeinsam auf die Beine und jede und jeder trägt eine grosse Verantwortung. Wenn die Stimmung in den Proben angespannt ist, so ist dies nur aufgrund unseres Ansporns. In den Pausen lachen, tanzen, singen und essen wir. Die gemeinsame Arbeit schweisst uns als kleine Rattenfamilie zusammen.

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Bühnenlicht und Schlafsack

Und dann ist plötzlich Freitag, der 14. Februar. Der Beginn unserer Intensiv-Probewoche im Theater Roxy in Birsfelden. Innerhalb weniger Stunden wird von unserer Bühnenbildgruppe das Bühnenbild aufgebaut. Als wir dieses am nächsten Morgen zu sehen bekommen, können wir die Münder gar nicht mehr schliessen. Beinahe ausschliesslich aus Müll und hauseigenem Schlamm haben sie unsere Rattenwelt kreiert und unsere Motivation auf ein neues Maximum steigen lassen. Von diesem Moment an geben wir 200 Prozent. Unser Techniker Lukas und Miss K arbeiten bis in die Morgenstunden an der Programmierung des Lichts. Dabei dient unser Rattennest sogar zwei Mal als Schlafplatz für Miss K. Auch für uns wird in dieser Woche das Roxy ein Zuhause. In jeder freien Minute schlafen wir. Überall. Unter der Bühne, auf der Bühne, auf Stühlen, in Schlafsäcken, auf ISO-Matten. Wenn wir in den Pausen gerade nicht schlafen, tanzen wir zu Lukas‘ DJ-Einlagen, entspannen unsere Stimmbänder mit Blubberschläuchen oder feiern am Sonntag gemeinsam Laras Geburtstag, mitsamt Mami und Papi und von uns mitgebrachtem Essen.

Als wir am Sonntag zum ersten Mal von Milanti Nitihardjo und ihrem Team geschminkt werden, geht auf einmal alles ganz schnell. Wir lassen uns jeden Tag anderthalb Stunden lang frisieren und bemalen. Danach dürfen wir uns nicht mehr kratzen, nicht mehr schlafen und die Nase nicht putzen. Um nicht zu verhungern, müssen wir mitsamt Make-up im Coop Essen einkaufen, wobei die Passanten teilweise schockiert weglaufen oder uns amüsiert ansprechen. Zum Glück ist gerade noch Fasnachtszeit!

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Rat-Family

Mit Make-up, Headsets und selbstgenähten Kostümen (JA! Selbstgenäht!) stehen wir am Mittwoch auf einmal hinter der Bühne und hören unser erstes Publikum in die Reihen strömen. Premiere! Wir strahlen uns gegenseitig freudig an, halten uns an den Händen, umarmen uns. Dann strömen wir voller Energie in die erste Show. Wie im Traum erleben wir die Zeit auf der Bühne. Mit einigen Patzern, doch viel besser als erwartet.

Die drei Show-Tage sind leider viel zu kurz. Wir fliegen durch unsere Choreos und Solos. Dazwischen gibt’s Feedbacks, Abschminksessions mit VIEL Abschminkfett («Wo ischs Fett?!?!» – everyone) und ein gemeinsames Pizzaessen auf der Bühne zwischen unseren Double-Shows am Donnerstag. Leider erlebt unser Rudel jedoch auch ein verletztes Knie und entzündete Augen. Doch gemeinsam finden wir jeweils eine Lösung und helfen uns gegenseitig. Miss B erzählt uns sogar, dass sie geträumt hat, wir seien eine grosse Rattenfamilie. Naja, ganz so unwirklich war der Traum ja nicht…

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The  spotlight  that  never  dies

Und dann stehe ich viel zu schnell zum letzten Mal in der Mitte auf der Bühne im blauen Scheinwerferlicht. Nach meinem allerletzten Memory gehe ich durch den Nebel zum letzten Mal aufs Licht zu, sterbe ein letztes Mal und weine. Noch nie habe ich mich mit meiner Rolle so verbunden gefühlt wie in diesen letzten Sekunden. Hinter der Bühne singe ich die letzten Stücke unter Tränen mit, bevor endgültig die letzten Töne erklingen. An den Händen haltend und unter Standing Ovations nehmen wir ein paar Momente später unseren allerletzten Applaus entgegen. Diese Minuten sind verschwommen und vernebelt. Die Freudentränen verwässern meine Sicht. Dennoch habe ich mich noch nie so ruhig und stark gefühlt wie in diesem Moment. Mit der ganzen Rattenfamilie auf der Bühne zu stehen und zu sehen, wie wir gemeinsam etwas Einzigartiges geschaffen haben, überflutet mich mit Emotionen.

Viele Tränen und Umarmungen später räumen wir mit Staubsauger und Lappen das Roxy leer. Ein seltsames Gefühl. Alles,  was wir über die letzten zehn Monate geschaffen haben, ist auf einmal vorbei und abgebaut. Es ist bereits zwei Uhr morgens und die meisten trudeln langsam nach Hause. Gemeinsam mit einer kleinen Gruppe, Miss K und Lukas sitzen wir noch bis 5 Uhr morgens in der  gemütlichen  Roxy-Bar. Wir lassen die Gefühle ausklingen, bis es dann auch für uns Zeit wird, aufzubrechen und Abschied zu nehmen. Als ich zum letzten Mal die Türe hinter mir ins Schloss fallen höre, bin ich mir sicher. Grizabella und Gina. Von jetzt an bin ich beides.