Am 28. und 29. Oktober fand der neu ins Leben gerufene Theatertag des Gymnasiums Muttenz statt, an dem fünf zweite Klassen das Theater Basel näher kennenlernten. Dabei konnten unsere Lernenden im Rahmen einer Führung einen Blick hinter die Kulissen werfen. In Workshops setzten sie sich mit den Theaterstücken sowie mit den Grundlagen der Schauspielkunst auseinander. Am Abend standen aktuelle Produktionen auf dem Programm. Die Mischung aus Bühnentechnik, Rollenspielen und Aufführungsbesuch machte den Theatertag zu einem besonderen Erlebnis.
Text: C. Schläfli, T. Kröner; Fotos: F. Manella, D. Nussbaumer
Den Theatertag führten wir dieses Jahr zum ersten Mal durch. Er wurde von unseren Kolleginnen Flavia Manella und Christina Schläfli in enger Zusammenarbeit mit Martin Frank und Lena Doebel vom Theater Basel organisiert. Ziel der Veranstaltung war es, dass sich die Schülerinnen und Schüler einen Tag lang in das Thema Theater vertiefen. Zu Workshops und Führungen kam die reale Theater-Erfahrung, denn es standen zwei Stücke aus der aktuellen Produktion auf dem Programm: Die «West Side Story» nach Leonard Bernstein und «Die Möwe» nach Anton Tschechow. Eines der beiden Stücke besuchten die Klassen am Donnerstagabend. Dieser Bericht bezieht sich vor allem auf die «West Side Story».
Am Donnerstagmorgen hatte sich gerade der Nebel aufgelöst. Langsam versammelten sich die Schüler:innen der teilnehmenden Klassen 2AW, 2B, 2E, 2Wa und F2b um 8:20 Uhr an der Serra-Plastik auf dem Theaterplatz. Bald gesellten sich alle zu ihrer Gruppe Grün, Rot, Gelb und Blau. Die verantwortlichen Lehrpersonen erfassten die Anwesenden. Die Personen, die die Führungen durch das Theater leiteten, kamen hinzu. Es gab letzte Instruktionen zur Pause und zum Ablauf des Vormittags. Der Theatertag konnte beginnen.


Im Uhrwerk des Theater Basel
Ein Teil der Workshops am Vormittag war eine Führung durch das Haus. Dabei erhielten die Lernenden einen genauen Einblick in das faszinierende Uhrwerk dieses Gebäudes. Während die Bühnentechniker die Decken-Konstruktionen im grossen Saal aufbauten, von der am Abend die grossen Discokugeln hängen würden, erfuhren die Schüler:innen vieles über die Geschichte des Theatergebäudes und die Organisation der insgesamt etwa 500 Angestellten. Sie erfuhren, dass sich die Decke im Grossen Saal je nach gespieltem Stück verändern kann, wodurch sich wiederum die Raumakustik anpasst. Sie konnten die Maschinerie betrachten, die dafür sorgt, dass sich Bühnenelemente bewegen, heben oder absenken. Sie durften zudem die Werkstätten bestaunen, die Schlosserei, Malerei und Schreinerei, in denen die Kulissen für die Bühne entstehen. Und nach einer Fahrt in der 9 Meter hohen Liftkabine durften sie im Fundus einen Teil der beeindruckenden 35 000 verschiedenen Kleidungsstücke betrachten.









Die Flugbahn der Stimme
Neben der Führung durch das Theater Basel standen verschiedene Workshops auf dem Programm. Die 2E lernte in ihrem Workshop im Klosterberg 6 Grundlegendes zur Schauspielkunst kennen. Unter der Leitung der Theaterpädagogin Lena Döbel machte die Klasse spielerische Übungen zu den Bereichen Präsenz und Stimme. Bei den Inputs zur Präsenz mussten die Schüler:innen darauf achten, wie man sich selbst darstellt, was die eigene Aufgabe in der aktuellen Situation ist und wie man sich anderen gegenüber im Raum verhält, also wesentliche Grundlagen der Interaktion der Schauspielenden auf der Bühne. Die Übung im Kursraum dazu war «Stop and Go»: Ohne miteinander zu sprechen, gingen die Schüler:innen im Raum herum und versuchten, gleichzeitig anzuhalten und danach wieder gleichzeitig loszugehen. Auch die Übungen zur Stimme waren sehr spannend. Die Klasse warf sich in Gruppen einen Ball gegenseitig zu. Mit dem Wurf des Balls warfen alle ihren Namen oder einen Beispielsatz stimmlich mit, sodass mit dem Ende der Flugkurve des Balls auch das Wort oder der Satz endete.

Wer hat hier eigentlich das Sagen?
Ein weiterer Teil des Theatertags waren die Workshops zu den Statusspielen, die Martin Frank von der Abteilung Theaterpädagogik leitete. Darin ging es um eine Frage, die weit über das Theater hinausreicht: Wer bestimmt eine Situation? Wer dominiert, wer ordnet sich unter? Warum entschuldigen wir uns manchmal, obwohl es dafür gar keinen Grund gibt? Im Theater können sich diese Machtverhältnisse mit jeder Szene verändern.
Wie unmittelbar Martin Frank mit einer Gruppe in Kontakt kommt, zeigte sich besonders in einem der Workshops. Er erfasste die Gruppe innerhalb weniger Minuten, nahm die einzelnen jungen Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit wahr und begegnete ihnen mit grosser Wertschätzung. Es ist beeindruckend, wie ihm das gelingt: Die Vorlauten bringt er mit viel Gespür ein wenig zur Ruhe, während er die Zurückhaltenden aus der Reserve lockt. So entstand ein Raum, in dem alle ihren Platz finden und sich auf das Spiel mit unterschiedlichen Rollen und Statuspositionen einlassen konnten.




Basel, 2026, +8°, Nebel und starke Bewölkung
In einem weiteren Workshop lernte die Gruppe Blau das Stück «West Side Story» kennen. Schweigend sassen die Schüler:innen im Stuhlkreis und hörten der Leiterin des Workshops zu, die die historischen Hintergründe erläuterte. Durch die rote Decke im Schauspielhaus drang der Lärm von den Arbeiten an der Bühne, wo die Vorführung vom Abend vorbereitet wurde. Vor den Fenstern zog der Verkehr vorbei. Bei der Vorstellungsrunde entstand eine Verbindung untereinander durch Sprache.
New York 1957, +27°, pralle Sonne
Das Musical «West Side Story» feierte seine Premiere 1957 in New York. Leonard Bernstein hat darin der Stadt ein Denkmal gesetzt, denn New York war 1957 eine kulturelle Hochburg, in der Einflüsse aus vielen Ländern ihre Spuren hinterlassen hatten. Die Workshop-Leiterin Beatrice erwähnte Jazz und Rock‘n’Roll, aber auch die Durchmischung der Bevölkerung, die Unterschiede zwischen Armen und Reichen, den Zusammenhang von Armut und Migration sowie die Segregation im Süden.
In der Bronx treffen also die «Sharks», die aus Puerto Rico stammen, auf die «Jets», die in den USA aufgewachsen sind. Für beide Gangs stellt sich die zentrale Frage, wer der Platzhirsch ist. Die Beantwortung dieser Frage führt zu einer Spirale der Gewalt. Inmitten dieser Konflikte verlieben sich Maria, deren Bruder die «Sharks» anführt, und Tony, der früher die «Jets» gegründet hat, nun aber ein bürgerliches Leben führen will und sich daher von den «Jets» distanziert.
London 1580, -1°, starker Wind, heftiger Nieselregen
Diese sozial verbotene Liebe gegen alle Konventionen hat ihren Ursprung in London, wo um das Jahr 1580 der Adel die chaotische Stadt beherrschte. Hier, so erfahren wir, wurde das Theater, wie wir es kennen, erfunden, und zwar von Schauspielgruppen, die ihre Stücke an den Höfen spielten. Und von deren Autoren, die aus den Colleges und Universitäten kamen, an denen nur Lateinisch gesprochen wurde, die aber Stücke für das Volk auf Englisch verfassten. In dieser Zeit etablierte sich Shakespeare als Autor, unter anderem mit «Romeo und Julia», das mit seinem Konflikt zwischen zwei rivalisierenden Adelsfamilien die Vorlage darstellt für die «West Side Story».
Die Fronten verhärten sich
Diesen Konflikt thematisierte die Gruppe Blau im Workshop. In einem ersten Schritt erlernte und erlebte die Gruppe Strategien der Kooperation und der Gruppenidentität. Die Regel für dieses Spiel war einfach: Man warf jemandem den Ball zu und nannte dabei laut den Namen des Empfängers oder der Empfängerin. Gruppenidentität erspielen durch Ballwerfen, alle kommen dran, alle halten sich an die Regeln. Die Kursleiterin, Beatrice Goetz, stellte daraufhin die Frage: Wie würdet ihr euch diesen leichten Regeln verweigern?
An dieser Stelle entstand im Workshop spielerisch das Verständnis für das Stück. Die zuvor homogene Gruppe teilte sich in zwei Gruppen und bewegte sich zur Musik. Aus dieser Bewegung zur Musik heraus entstand die Konfrontation zwischen den beiden Gruppen, die aufeinander zu- und durcheinander hindurchgingen. Lachen und Anrempeln sind Strategien, um Gemeinschaft und Gruppenidentität herzustellen, Strategien, die wir später am Abend auf der Bühne genauso wieder beobachten konnten. Aus der Reflexion über diese Szene verstanden die Lernenden, wie im Theater Themen wie Konflikt und Konfrontation dargestellt werden.




Auf der Bühne
Vieles von dem, was die Lernenden in den Workshops erfuhren, konnten sie bei der Inszenierung am Abend wiederfinden. Die Inszenierung von Barrie Kosky stellte den Konflikt zwischen den beiden Gruppen sehr dynamisch, körperlich und kämpferisch dar. Mit an Breakdance angelehnten Choreografien steigerte sich die Spannung zwischen den «Jets» und den «Sharks» bis hin zum dramatischen Finale. Aber es waren nicht nur die Handlungen und die Choreografie, über die unsere Schülerinnen und Schüler an diesem Tag etwas gelernt hatten.

Ein Teil der Bühne war eine grosse Drehscheibe auf dem Bühnenboden, auf der die Figuren in karger Kulisse und bei starken Lichteffekten agierten. Diese Drehscheibe wurde bewegt von den vielen Maschinen, die wir bei der Führung durch das Gebäude zuvor unter dem Bühnenboden gesehen hatten. Und als die weiblichen «Sharks» von einem schönen Leben im tollen Amerika träumten, hingen von der Decke die riesigen Discokugeln an einer Stahlkonstruktion, von der wir gelernt hatten, wie die hängenden Elemente gesichert werden. Somit konnte der Theatertag hoffentlich ein ganzheitliches Verständnis des Uhrwerks Theater erzeugen und unseren Lernenden vermitteln, wie vom Sicherungsseil bis zur Verkleidung aus dem Fundus alle Räder zu einem erfolgreichen und gelungenen Theaterabend beitragen.

Du muss angemeldet sein, um einen Kommentar zu veröffentlichen.