
Stellen Sie sich vor, im Jahre 2073, also in 50 Jahren, wird Ihr Kühlschrank stets automatisch gefüllt mit den immer gleichen Dingen, Ihr Kleiderschrank meldet, nachdem dieser sich selbst mit den meteorologischen Daten abgeglichen hat, was Sie gerade tragen sollen, und Ihr Device erinnert Sie an Ihre sozialen Verpflichtungen: der passende Glückwunsch und der ebenso passende Blumenstrauss werden selbständig verschickt – Brave new world! Brave new world? Von Brigitte Jäggi, Rektorin (Foto: Nu)
Doch diese Zukunft hat bereits in der Gegenwart begonnen, zumindest in den Schulen, denn schon heute können Sie mit Hilfe der noch jungen und „ungebildeten“ Künstlichen Intelligenz Erstaunliches automatisch erarbeiten lassen: Texte schreiben, Bilder erstellen, Mathematikaufgaben lösen. Und es scheint gar so, dass auch Fremdsprachenlernen, Deutschkenntnisse und das Wissen in allen anderen Fächern überflüssig werden, denn KI kann ja alles erledigen.
Bedeutet daher die Künstliche Intelligenz das Ende der Schule? Sind Schulen, jedenfalls wie sie heute funktionieren, bald überflüssig?
Wie gelingt es uns, dass unsere Lernenden trotz des vermeintlichen Wissens-Paradies mit KI den Sinn des Lernens erkennen? Ist eine Koexistenz von Künstlicher Intelligenz und Schule sinnvoll, möglich? Was muss sich an unserem Lehren und Lernen verändern, damit diese Koexistenz zum Nutzen beider gelingt? Diese Fragen sollen uns als Bildungsinstitution auf jeden Fall beschäftigen.
Wenn wir kleine Kinder beobachten, dann sehen wir, dass sie mit viel Lust und Ausdauer Neues lernen. Irgendwann im Verlaufe der Schulzeit geht diese Freude verloren. Was läuft denn falsch in unserem Bildungssystem? Ein System, das unter diesen Voraussetzungen gegenüber der KI einen schweren Stand haben dürfte. Und es ist zu befürchten, dass auch die Weiterentwicklung der gymnasialen Matura dieser Herausforderung nicht gewachsen sein wird.
Seit 2021 wird mit Hochdruck an der gymnasialen Matura gearbeitet. Und dabei geht es um den Miteinbezug von Megatrends wie etwa der Globalisierung und der Digitalisierung und wie sich diese auf die strukturelle und auf pädagogische Aspekte auswirken. So lautet die Prämisse des Grossprojekts “Weiterentwicklung der gymnasialen Maturität (WEGM).
Doch was zukunftsweisend klingt, sieht bei genauerer Betrachtung im Bereich der Fächer eher wie alter Wein in neuen Schläuchen aus. Mehr Fächer, kompliziertere Strukturen und überfüllte Rahmenlehrpläne werden vertieftes Lernen und Verstehen bedauerlicherweise verhindern. Wo es doch wichtig wäre, wenn die Schule den Lehrenden und Lernenden die Möglichkeit gäbe, mehr Zeit und Ressourcen zu investieren, um problemlösendes Denken zu üben und zu erfahren. Weniger wäre mehr!
Die Bildungspraxis selbst ist sich dieser althergebrachten Lehr- und Lernsituation schon lange bewusst. Wir als Gym Muttenz haben bereits 2014/15 auf diesen Umstand reagiert. Mit dem SLSplus sollen Schüler: innen sich selbst organisieren und die Verantwortung für ihr Lernen übernehmen. Aber das genügt längst nicht! Während unserer diesjährigen Weiterbildung haben wir anhand des Themas Prüfungskultur überlegt, was wir verändern können. Wie können wir unsere Lernenden und zukünftigen Studierenden auf eine Welt vorbereiten, in der Routinearbeiten mit KI automatisiert werden, aber die Sozialkompetenz und das Lösen von komplexen Problemen an erster Stelle stehen werden?
Ganz klar ist KI nicht die Grundursache für die jetzigen Herausforderungen in der Bildung, sondern wirkt eher als Brandbeschleuniger im trockenen Gehölz des heutigen Lernens. Die Bildung müsste sich schon lange den verändernden Anforderungen der heutigen Welt stellen, um den Schüler: innen die benötigten Fähigkeiten und Kompetenzen zu vermitteln. Bildung, Schulen, Lehrpersonen und Schüler:innen sollen auch zukünftig die Verantwortung tragen, unterstützt, aber nicht beherrscht von KI.
Redlichkeitserklärung: Dieses Editorial wurde nicht mit ChatGPT geschrieben!
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