Kriegsreporter Kurt Pelda am Gymnasium Muttenz

Draussen vor dem Gymnasium tobt ein friedliches Gefecht: Eine Schülergruppe wirft Schneebälle an die Fenster, wo lachende Gesichter den Spass erwidern. Doch drinnen, im Foyer, ist der echte Krieg allgegenwärtig. Der Kriegsreporter Kurt Pelda ist zu Gast und bringt eine Welt voller Konflikte, Zerstörung und schwieriger Entscheidungen in die intakte Umgebung der Schule. Vor zwei Wochen aus Odessa zurückgekehrt, erzählt er von Frontlinien, Gleitbomben, dem täglichen Überlebenskampf und vom Alltag in der Ukraine.

Die Veranstaltung, organisiert vom interdisziplinären Ergänzungsfach Geschichte und Wirtschaft „Von der organisierten Kriminalität zum Terrorismus“ sowie vom Ergänzungsfach Geografie „Aktuelle Krisenherde“, durfte im Vorfeld nicht öffentlich beworben werden. Denn Pelda, bekannt für seine Berichterstattung aus 17 verschiedenen Krisen- und Kriegsgebieten, steht auf der Fahndungsliste des russischen Geheimdienstes. Er aber bleibt auch an dieser Mittagsveranstaltung seinem Credo treu: Der Wahrheit verpflichtet.

Einblicke in den Nahen Osten

Nach einer Begrüssung durch Markus Hilfiker, der als Ergänzungsfachleiter durch die Veranstaltung führt, beginnt Pelda seinen Vortrag mit Gedanken zum Nahen Osten. Er berichtet von seiner Erfahrung mit ballistischen Raketen in Israel, erklärt den Schutzschild gegen solche Angriffe und zeichnet ein differenziertes Bild der Lage in den palästinensischen Gebieten. Während Palästinenser in Israel Bürgerrechte geniessen, leben viele in Gaza und der Westbank unter schwierigen Bedingungen und grosser Benachteiligung. Der Gazakrieg beansprucht in der allgemeinen Wahrnehmung einen grossen Platz. „In den Medien wirkt der Gazakrieg riesig“, erklärt Pelda, „doch es sind momentan eher punktuelle Kämpfe, die noch im Gang sind.“

Er illustriert während seines ganzen Vortrags seine Einschätzungen und Erklärungen nicht nur mit Videos über die Funktionsweise und den Einsatz von Flugabwehr, Gleitbomben und Drohnen, sondern auch mit Anekdoten, wie sie sich bei der Arbeit eines Kriegsreporters abspielen können. So schildert er seine Verhaftung durch die Hisbollah, die ihn in einem dunklen Raum verhörte, allerdings glücklicherweise ohne körperliche Gewalt anzuwenden. Nach der dritten Verhörrunde konnte er geltend machen, dass er im Libanon Gast sei, und wurde mit einem Tee entschädigt. Es sind auch solche Eindrücke, die seine Arbeit für uns fassbar machen.

Die Ukraine: Eine andere Dimension

Mit einem abrupten Schwenk führt Pelda das Publikum in die Ukraine, wo die Frontlinie allein 1.000 Kilometer lang ist und über 1,5 Millionen Soldaten im Einsatz sind. „Der Ukrainekrieg ist, bezogen auf die betroffene Fläche und die involvierten Kämpfenden, 13- bis 15-mal so gross wie der Gazakrieg und die Konfliktzone im Südlibanon zusammen“, betont er. Eindrücklich zeigt er Videos von zerstörten Städten und von der modernen Kriegsführung mit Drohnen. Diese, ausgestattet mit Technik wie GPS und Kameras, stellen eine neue Dimension der Kriegsführung dar. Pelda veranschaulicht, wie die Ukrainer Drohnen mit einfachsten Mitteln präparieren und für effiziente Angriffe einsetzen.

Trotz des bald drei Jahre andauernden Kriegs versucht der Teil der ukrainischen Bevölkerung, der nicht grad in der Kampfzone lebt, den Alltag aufrechtzuerhalten. Auch das dokumentiert er in seiner Berichterstattung und in Videos. „In Kiew fahren die Menschen mit Zürcher Trams zur Arbeit“, erzählt Pelda, „doch jeder kennt jemanden, der an der Front ist, oder hat jemanden verloren.“ Dennoch gehen Jugendliche, die noch nicht im wehrfähigen Alter sind und keine spontane Rekrutierung auf der Strasse befürchten müssen, in den Ausgang und verbringen Abende in Clubs. Gleichzeitig warnt er davor, die Ukraine jetzt im Stich zu lassen oder zu vergessen: Wenn Russland gewinnt, könnten Millionen Flüchtlinge, die nicht unter russischer Dominanz leben wollen, nach Europa kommen – mit weitreichenden politischen Folgen. Er verweist auf die Flüchtlingswelle, die vom Bürgerkrieg in Syrien im Jahr 2015 ausgelöst wurde. Die Folgen davon spürt die deutsche Politik mit einer Erstarkung der AfD heute mehr denn je. Der Ausgang des Ukrainekriegs, so Pelda, werde die Zukunft der im Saal anwesenden Jugendlichen beeinflussen.

Eine Welt im Informationskrieg

Neben den direkten Kampfhandlungen spricht Pelda auch von der Propaganda, die in modernen Kriegen eine zentrale Rolle spielt. Medien müssen inzwischen an gut ausgebildeten Journalisten sparen, was es staatlicher Propaganda aus Russland oder China erleichtert, ihre Narrative durchzusetzen. Dies betrifft auch die Schweiz: Pelda berichtet von russischen Einflussnetzwerken, die von Botschaftsanlässen mit Agenten über Social Media bis in westliche Medien reichen. Er äussert scharfe Kritik an Journalisten und Meinungsmachern wie Roger Köppel, die seiner Meinung nach bewusst Desinformationen verbreiten. Diese Desinformation suggeriere, Russland sei nicht besiegbar, die Ukraine könne nicht verteidigt werden und müsse sich ergeben.

Szenarien für das Kriegsende

Auf die Frage einer Schülerin hin erläutert Pelda mögliche Szenarien, wie der Krieg in der Ukraine enden könnte. Ein erstes Szenario sei, dass der Krieg aus wirtschaftlichen Gründen endet, weil die Kriegsparteien nicht mehr erreichen können, als sie bisher erreicht haben, und die Kosten zu hoch würden. Ein zweites Szenario wäre ein Deal: Die Ukraine könnte gezwungen werden, Gebiete abzutreten und auf einen NATO-Beitritt zu verzichten, im Gegenzug würde Russland die Eroberung stoppen. Das dritte Szenario, so Pelda, sei die vollständige Eroberung der Ukraine durch Russland, falls der Westen weiterhin zögere, die Ukraine ausreichend zu unterstützen. Das vierte Szenario beschreibt ein Ende, in dem der Westen die Ukraine so stark unterstützt, dass sich Russland zurückziehen muss. Der Verlauf des Kriegs hänge stark davon ab, wie die Unterstützung des Westens jetzt nach der Wahl von Trump zum Präsidenten der USA im nächsten Jahr aussehen werde.

Wir sind am Ende des ersten Teils angelangt. Markus Hilfiker vom Ergänzungsfach Geografie spricht seinen Dank aus und beendet den offiziellen Teil der Veranstaltung. Es ist 14.00 Uhr und die teilnehmenden regulären Klassen kehren zurück in den Unterricht.

Die beiden Ergänzungsfachkurse kommen in den Genuss einer vertiefenden Zugabe und bleiben im Foyer. In diesem Teil schildert Pelda, dass die russische Armee zwar schlecht ausgerüstet ist, aber mit grossem Aufwand jahrzehntealtes Kriegsgerät zum Einsatz bringt und mit Elektronik ergänzt. Und er geht darauf ein, dass die Neutralität der Schweiz in der Ukraine vor allem als eine Weigerung wahrgenommen wird, dringend benötigte Verteidigungswaffen zu erhalten. So hatte die Schweiz den europäischen Staaten verboten, an sie verkaufte Fliegerabwehrmunition an die Ukraine weiterzugeben. 

Peldas Analyse: Putins Strategie

Am Ende geht Pelda auf die langfristige Strategie Russlands ein. Es steht die Frage im Raum, ob Putin nicht vielleicht durch ein allzu entschlossenes Auftreten des Westens sich zu einer irrationalen Handlung hinreissen lassen und Atomwaffen einsetzen könnte. Hier vertraut Pelda auf die abschreckende Wirkung, die auch im Kalten Krieg funktioniert habe. Sowohl der Westen als auch China hätten deutlich markiert, dass ein Einsatz von Atomwaffen Russland komplett isolieren und eine Reaktion bewirken würde, die massivste Konsquenzen nach sich zöge. Putin selber arbeite aber auch mit Angsterzeugung. Peldas Meinung nach agiert Putin jedoch sehr rational, indem er den Konflikt schrittweise eskaliert und jeweils die Reaktionen des Westens abwartet. „Wenn er nicht gestoppt wird, macht er weiter“, erklärt Pelda. Ziel Russlands sei es, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wieder als Grossmacht anerkannt zu werden. Ein wichtiger Teil dieser Strategie sei es, direkt mit den USA verhandeln zu können, insbesondere mit dem neu gewählten Präsidenten Trump. Der Westen müsse reagieren, um Putin Einhalt zu gebieten. Die Aggression dürfe sich für Russland nicht auszahlen. Putin könne sich den Krieg auch nicht auf Dauer leisten. Die Wirtschaft laufe schlecht. Mehr Soldaten wolle Putin nicht einziehen, um sich nicht unpopulär zu machen, also intensiviere er seine Zermürbungstaktik mit Angriffen auf die Infrastruktur bei Einbruch des Winters und drohe mit weiteren Eskalationen. Dies geschehe nicht zufällig jetzt nach den Wahlen in den USA. Es komme im 2025 darauf an, wie Trump und wie Europa nun reagierten. Appeasement mit Zugeständnissen sei ein gefährlicher Weg. Das habe noch keinen Diktator gestoppt.

Ein persönlicher Einblick zum Schluss

Ganz zum Schluss stellt eine Schülerin noch die Frage, wie er selbst die psychische Belastung seiner Arbeit bewältige. „Das ist schwierig. Ja, ich habe manchmal Albträume“, gesteht er, „aber das Schreiben und das Schneiden der Videos helfen mir, die Erlebnisse zu verarbeiten.“ Und er äussert klar, dass es ihm helfe, in seiner Tätigkeit eine sinnvolle Aufgabe zu sehen. Dazu müsse man es aushalten, sich auch Leichen genau anzusehen. Nur so könne man herausfinden, ob das, was einem dazu erzählt wird, auch wirklich wahr sei. Nebst seiner Aufgabe als Journalist, das weiterzugeben, was er sieht, hilft er auch mit seinem karitativ tätigen Verein und liefert selbst Hilfsgüter in die Ukraine. In diesen Tagen sind das Stromgeneratoren, welche die Ukraine dringend benötigt. Denn die Russen zerstören bewusst das, was die ukrainische Bevölkerung jetzt im Winter am meisten braucht.

Und plötzlich ist es Zeit, dass Pelda geht. Die Redaktion wartet darauf, dass er seinen nächsten Artikel abgibt, der morgen in der BZ und in der AZ erscheinen soll. Er nimmt seinen Laptop mit den Filmen aus einer Welt, in der die Schneebälle längst durch Gewehrkugeln und Artilleriegeschosse ersetzt wurden, mit hinaus in das verschneite Muttenz. Draussen beschiessen sich inzwischen Erstklässler vom Gym. Ihre Munition ist der Neuschnee. Der Krieg ist für sie im Moment ein weit entferntes Szenario. Hoffentlich bleibt das so.

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