
Die Geschichte, die wir hören, beginnt in der Nacht, als in Berlin der Reichstag brannte. Der junge Rechtsanwalt Litten wurde von den Nazis, die erst einen Monat davor zur Macht gelangt waren, verhaftet und es begann ein über fünfjähriger Leidensweg für ihn wie für viele Oppositionelle, deren kritische Stimmen vom Terror-Regime Hitlers zum Schweigen gebracht wurden. Hans Littens Stimme verstummte im Konzentrationslager Dachau. Gestern Nachmittag hörten wir die Stimme seiner Nichte Patricia Litten in einer Mittagsveranstaltung. Sie war extra aus Nürnberg angereist – auf Einladung von Sophia Reichel für die Kulturkommission des Gymnasiums Muttenz. Von Daniel Nussbaumer (Text und Fotos)
Die Schauspielerin Patricia Litten entdeckte die tragische Geschichte ihres Onkels erst nach dem Tod ihres Vaters und wurde sofort davon erschüttert. Ihre Eltern hatten nie darüber gesprochen, aber die Geschichte hatte jahrelang auf dem Büchergestell gestanden. Irmgard Litten: „Eine Mutter kämpft gegen Hitler“. Es ist die Geschichte der Mutter von Hans, die darin scheitert, ihren Sohn vor Hitlers Rache zu retten, dabei aber ihre Würde bewahrt und im Widerstand gegen die Diktatur eine bewundernswerte Kraft entwickelt. Hans Litten hatte sich den Zorn der Nazis zugezogen, weil er als Anwalt tatsächlich Adolf Hitler persönlich im Edenpalast-Prozess von 1931 in den Zeugenstand gerufen und vor allen blamiert hatte. Es gelang ihm nachzuweisen, dass die von der SA ausgeführte Gewalt eine klare Umsetzung des Parteiprogramms der NSDAP war, obwohl Hitler kurz zuvor die Legalität seiner Bewegung behauptet hatte. Hitler nutzte die erste Gelegenheit, als er an der Macht war, um sich für seine Entlarvung zu rächen.

Um den Jugendlichen die längst vergangenen geschichtlichen Vorgänge und deren Auswirkungen auf das Leben der Menschen wirklich nahe zu bringen, lässt Patricia sie Personen und Institutionen aus der heutigen Zeit und aus ihrem eigenen Erlebnishorizont assoziieren. „Stellt euch mal vor, das Bundeshaus würde brennen!“ und „Macht mit! Meine Fragen sollen euch nicht testen, sondern ihr sollt ausdrücken, was ihr denkt!“ Oder: „Wenn eine Autokratie am Start ist, kann es sehr schnell gehen. Und alles ist vorbei. Denkt nicht, es könnt euch nicht treffen!“ Und sie erzählt, wie Hans und seine Familie mit einem Code über Briefe kommunizierten, der in akribisch zensierten Texten immer noch Nachrichten enthielt, die nur die Eingeweihten verstanden: Vereinbart war, wenn er jemals nur mit seinem ersten Vornamen Hans unterschreiben würde, dann habe er alle Hoffnung verloren. Darum war dieser Brief die Schock-Nachricht für die Mutter: „Meine neue Adresse ist Dachau. Hans.“
In ihrer Präsentation im Foyer des Gymnasiums wechselt Patricia Litten von der Interaktion mit dem Publikum zum Vorlesen aus dem Buch ihrer Grossmutter Irmgard. Patricia führt uns Hans Littens Leidensweg und den von seiner Mutter geführten Kampf gegen das Unrecht lebhaft vor Augen und vor die Seele. Sie wird beim Vorlesen selbst zu ihrer Grossmutter Irmgard und wir stehen mit ihr in unserer Vorstellung am Sarg von Hans. Spüren den Griff des SS-Schergen im Rücken. Spüren aber auch den Mut, den diese Frau gehabt haben muss, um an dieser Krise zu wachsen und im Londoner Exil am Radio ganz Europa vor Hitler zu warnen, schon bevor dieser Polen angriff. Und so steht ihre Enkelin Patricia heute vor den Jugendlichen. Ihre Botschaft ist klar: „Lasst uns diese Demokratie bewahren, auch wenn sie Fehler hat und verbesserungswürdig ist! Sonst ist das Tor offen für jede Willkür.“ Patricia entlässt ihr Publikum aber nicht mit einer finsteren Warnung, sondern mit dem Aufruf, dass wir Menschlichkeit erhalten und pflegen können. Wir müssen dafür aber unsere Stimme erheben.

Reaktionen unserer Schüler:innen
Mich hat erstaunt, dass Irmgard Litten vor der Eroberung Europas die schrecklichen und menschenverachtenden Taten der Nazis als Warnung an andere Völker übermittelt hat.
In den Geschichtslektionen sind es eher Statistiken, aber durch die Lebensgeschichte von Hans Litten konnte ich einen viel besseren Eindruck von der Situation der Unterdrückten bekommen.
Ich finde es beeindruckend wie Hans und seine Mutter ihren Code so schnell und so oft wechseln und immer einigermassen Kontakt haben konnten.
Es war berührend, die Geschichte von einer Person mit einem tatsächlichen Bezug zum Thema gehört zu haben.
Ich fand es sehr schön, wie Patricia Litten die Geschichte aus tiefstem Herzen erzählt und so herübergebracht hat, dass sie einen wirklich berührt hat.
Ich finde das Durchhaltevermögen von Hans Litten beeindruckend und dass er sich traute, etwas gegen Hitler zu sagen.
Das politische Engagement und der Durchhaltewille von Hans Litten waren zutiefst bewegend. Ausserdem hat Patricia Litten die Geschichte mitreissend und spannend erzählt.
Es ist schockierend und schrecklich, was die Menschen damals durchmachen mussten. Patricia motiviert uns Jugendliche, für unsere Zukunft zu sorgen und darauf zu achten, dass solche Geschehnisse verhindert werden.
Weitere Infos zur Geschichte von Hans und Irmgard Litten:
https://www.deutschlandfunkkultur.de/ns-opfer-irmgard-und-hans-litten-der-lange-kampf-einer-100.html





Du muss angemeldet sein, um einen Kommentar zu veröffentlichen.