
Liebe Schülerinnen und Schüler
Liebe Lehrpersonen
Liebe Eltern
Liebe Gäste
Wir stehen heute an einem wichtigen Wendepunkt.
Ihr Abschluss ist geschafft – ein Etappenziel, das Ihnen Türen öffnet und neue Wege ermöglicht.
Sie haben etwas erreicht, was man Ihnen nicht mehr nehmen kann. Sie ernten heute die Früchte der Arbeit der letzten drei Jahre und nehmen nicht nur Ihren Fachmittelschulausweis mit, sondern auch das Wissen und die Erkenntnisse Ihrer ganzen Schulzeit, die mittlerweile schon mindestens 12 Jahre – in gewissen Fällen auch ein bisschen länger – dauert.
Rede von Alexander Bieger (Rektor), Fotos: Daniel Nussbaumer
Mit der Wahl des Berufsfelds in der FMS haben Sie bereits einmal eine Richtung für Ihren späteren Werdegang vorgegeben, und viele von Ihnen haben im Prüfungsprogramm für die Abschlussprüfungen auch schon konkrete Berufsziele angegeben.
Seraina möchte Rettungssanitäterin werden,
Marion, Lars und Adrian: Lehrpersonen
Hannah, Jasmin und Marino gehen in Richtung Psychologie.
Während sich Tamara und Hannah für Architektur begeistern.
Allerdings, geschätzte Anwesende, die Zeiten, in denen jemand einen Beruf erlernt und für den Rest seines oder ihres Lebens dabei bleibt, sind schon lange vorbei (ausser vielleicht bei Lehrpersonen).
Ich erzähle Ihnen damit auch nichts Neues.


Seit 2–3 Jahren werden wir aber, dank KI, vom Strukturwandel geradezu überrollt, und es stellt sich eine neue Frage:
Eine Frage, die ehrlich gesagt ein bisschen unheimlich ist. Denn wenn man den Schlagzeilen glauben will, dann sieht die Zukunft ungefähr so aus:
Roboter schreiben Romane, Chatbots übernehmen die Kundenberatung, KI operiert präziser als jeder Chirurg, und die nächste künstliche Intelligenz malt Bilder wie Picasso.
Was bedeutet das für Sie? Was passiert mit Ihnen? Was passiert mit Ihren Träumen? Mit dem Beruf, auf den Sie hinarbeiten?
Gibt es diesen Beruf in 10 Jahren überhaupt noch?
Hannah, Jasmin und Marino: Ist Psychologie wirklich noch zukunftsträchtig? KI-basierte Therapien erreichen schon heute sehr gute Resultate und werden immer besser.
Tamara und Hannah: Wie ist es mit Architektur? Pläne zeichnen, 3D-Modelle erstellen, Statik berechnen? Können Sie das besser als eine KI?
Marion, Lars und Adrian: Braucht es Sie als Lehrpersonen überhaupt noch?
Sie haben etwas erreicht, was man Ihnen nicht mehr nehmen kann. Ist das wirklich so? Wird es das, was Sie erreicht haben, in der Zukunft überhaupt noch brauchen?
Seraina: Als Rettungssanitäterin sind Ihre Chancen nicht so schlecht. Auch wenn KI in der Diagnostik, bei der Alarmierung, beim Berechnen der Fahrtwege etc. sicher sehr hilfreich sein kann, braucht es immer noch jemanden, um die Erstversorgung vor Ort zu übernehmen. Und sei es nur, eine Hand zu halten, um den Patientinnen und Patienten die Angst zu nehmen. Was passiert mit allen anderen? Wie sieht die Zukunft in diesen Berufen aus?
Zuerst einmal: Ja, es wird sich viel verändern.
Technologien wie künstliche Intelligenz werden viele Dinge automatisieren.
Aber – und das ist wichtig – sie ersetzen keine Menschen. Sie ersetzen Aufgaben.
Ein Beispiel:
In der Pflege wird KI helfen können, Medikamente zu dosieren oder Risiken frühzeitig zu erkennen. Aber wird eine KI eine Hand halten, wenn jemand Angst hat? Wird sie erkennen, wann ein Blick mehr sagt als Worte?
In der Pädagogik wird KI beim Korrigieren helfen. Aber wird sie je spüren, was ein Kind wirklich braucht? Wird sie ermutigen, inspirieren, trösten können?
Und in kreativen Berufen, in sozialen Berufen, überall da, wo es um Beziehung, Verantwortung, Intuition und Mitgefühl geht – da wird der Mensch unersetzbar bleiben.

Ihr Beruf in 10 Jahren? Ja, er wird anders aussehen.
Aber das war schon immer so.
Vor fünfzehn Jahren konnte man mit einem iPhone 3 angeben. Heute würde das niemand mehr tun.
Vor zehn Jahren war Facebook cool – heute ist es das digitale Altersheim, und spätestens, als die ersten Teenager Freundschaftsanfragen von den eigenen Eltern erhalten haben, wussten sie, dass es schleunigst Zeit ist, sich von der Plattform zu verabschieden.
Und noch vor fünf Jahren war niemand in der Klasse auf die Idee gekommen, sich von einer künstlichen Intelligenz Hausaufgaben schreiben zu lassen – heute… aber lassen wir das…
Der Punkt ist: Berufe wandeln sich. Aber sie verschwinden nicht einfach.
Sie entwickeln sich – und wir uns mit ihnen.

Jetzt stellt sich eine zweite, fast schon provokante Frage:
Wenn eh alles digitalisiert wird – ist Ihr Fachmittelschulausweis dann überhaupt noch etwas wert?
Ja. Mehr denn je!
Weil dieser Fachmittelschulausweis nicht nur zeigt, WAS Sie gelernt haben – sondern WIE Sie gelernt haben.
Er steht für Durchhaltevermögen, für Neugier, für das Vermögen zu denken, zu analysieren, zu reflektieren.
Er steht für die Momente, in denen Sie sich durchgebissen haben, auch wenn es schwer war.
Er steht für Teamarbeit, für Kommunikation, für Verantwortung. Für Sozialkompetenz und nicht zuletzt auch für Freundschaften (oder im beruflichen Umfeld sagt man Netzwerke), die Sie geknüpft haben und die für den Rest Ihres Lebens wertvoll sein werden.
Und genau das sind die Fähigkeiten, die in einer Welt mit künstlicher Intelligenz unverzichtbar bleiben. Das erlernte Wissen wird vergessen werden oder irgendwann keine Relevanz für Ihr Leben mehr haben.
Die erlernten Theorien und Modelle werden überholt werden oder sich sogar eines Tages als falsch herausstellen. Ihre erlernten Fähigkeiten werden verschwinden, wenn Sie sie nicht regelmässig brauchen. Fragen Sie mich – trotz einer 5.5 in Chemie – bitte nicht, wie eine Reaktionsgleichung funktioniert.
Ich möchte zum Schluss den deutschen Physiker und Begründer der Quantenmechanik, Werner Heisenberg, zitieren, welcher gesagt hat:
„Bildung ist das, was übrigbleibt, wenn man alles vergessen hat, was man gelernt hat.“
Und das, liebe Absolventinnen und Absolventen, ist etwas, was man Ihnen nie wieder wegnehmen kann. Ich gratuliere Ihnen ganz herzlich zu Ihrem FMS-Abschluss.»












































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