Hinter den Kulissen

Wir gehen auf die Bühne. Alle sind in aufwendigen Kostümen und extravagantem Makeup. Ich, die Königin, der König, der Prinz und unser Gefolge sind auf der Bühne. Es herrscht völlige Stille. Ich habe das erste Wort, deshalb muss ich als Königin selbstsicher auftreten und den wundervollen Sonnenuntergang vor mir bestaunen. Während ich meine „Ahhs“ und „“Ohhhhs“ erklingen lasse, warte ich auf das Königsgefolge, das mit mir miteifern soll. Wenn nicht alle mitmachen, sieht die Szene nicht gut aus. Es ist ähnlich wie in unserer Klasse, der 2MZ. Wir alle haben eine Rolle, die wir spielen müssen. Manche sind grösser, manche sind kleiner. Durch das entsteht ein schönes Zusammenspiel verschiedenster Menschen.

Wir spielen das Theaterstück „Yvonne, die Burgunderprinzessin“. Eine Geschichte, die von einem Königshof handelt, in dem alles im Gleichgewicht ist und immer wieder dasselbe passiert. Nur einer, der Prinz, will mit diesem Gleichgewicht herumspielen und den ganzen Hof provozieren. Und wie ginge das besser, als eine hässliche Frau zu seiner Prinzessin zu machen? Diese Frau ist Yvonne. Doch der Plan des Prinzen geht nicht auf, denn Yvonne sagt fast kein Wort, verneigt sich nicht vor dem König und der Königin und löst Unsicherheit im ganzen Gefolge aus. Der Prinz ist hin- und hergerissen zwischen der Frage, ob er sie nun liebt, oder doch gar ermorden will. König und Königin verhalten sich in ihrer eigenen Unsicherheit auch sehr speziell und wollen sie auch töten, dann aber irgendwie doch nicht. Und dann doch wieder. Alle machen individuelle Pläne, Yvonne zu vernichten, können dann aber doch nicht. Wie bei mir, der Königin, die wegen ihrer eigenen intimen Sünden aufgehalten wird oder dem Prinzen, der sich dann doch nicht getraut. Am Ende geht der Plan des Königs und des Kammerherrn auf. Bei einem riesigen Festmahl erstickt Yvonne an einer Gräte. 

Auch wenn es vielleicht nicht so klingen mag, handelt es sich bei diesem Stück um eine Komödie. Es wird sehr viel mit Ironie und Sarkasmus gespielt. Zudem benehmen sich alle Personen sehr merkwürdig und deswegen auch irgendwie lächerlich. 

Ich stehe also auf der Bühne und bestaune den Sonnenuntergang. Sehr froh bin ich, dass man die Gesichter der Zuschauer*innen nicht erkennen kann. Mein „wundervoller Sonnenuntergang“, den ich als Königin so lauthals bewundere, ist das Publikum. Auf der Bühne zu stehen und die Aufmerksamkeit so vieler Leute zu geniessen, die an meinen Lippen hängen, ist fast unbeschreiblich. Auf der Bühne bin ich nicht mehr Gianna Gartmann, sondern Königin Margarethe. Mitsamt der Perücke, dem Fläschchen Gif in ihrem Busen und ihrem riesigen Kleid, das auf der Bühne schlagartig kein Kostüm mehr ist. 

Sobald meine Szenen fertig sind, gehe ich hinter die Vorhänge, setze mich hin und gestikuliere meinen Mitschüler*innen, dass mir heiss ist, worauf sie erwidern, dass es ihnen ähnlich geht. Einige blicken durch den Vorhang und verfolgen das Theater energisch mit, andere sitzen einfach da. Dann bin ich wieder Gianna.

Das Theaterstück war, soweit ich es mitbekommen habe, ein Erfolg. Grossen Spass hat es mir gemacht, auf der Bühne die Aufmerksamkeit so vieler Leute zu geniessen, ein aufwändiges Kostüm und Drag-Makeup zu tragen und eine verrückte, aber amüsante Königin zu spielen, deren Busen der Welt unbekannt ist. 

Dass das Theater nun vorbei ist, macht mich traurig. Obwohl wir in dieser Zeit unter sehr viel Stress gelitten haben, hat es uns wirklich zusammengeschweisst. Auch wenn es eine Geschichte von einem chaotischen Königshof ist, bleibt mein Lieblingsteil daran, eine gewisse chaotischen Klasse, die sich wegen eines Theaters näherkommt. Hinter den Kulissen von „Yvonne, die Burgunderprinzessin“, ist die Geschichte der 2MZ, die noch lange nicht aufhört.

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