
Wie jedes Jahr findet zu Beginn der Frühjahrsferien unsere schulinterne Weiterbildung (SCHIWE) statt. In diesem Jahr widmete sich das Kollegium dem Thema „Interdisziplinarität“. Im Kern ging es dabei um die Frage, wie zwei Fachbereiche gemeinsam ein Thema bearbeiten oder komplexere Probleme lösen können. (Text: T. Kröner, Fotos: D. Nussbaumer)
Während eine reguläre Schulstunde durch den nüchternen Klang der Schulglocke eingeläutet wird, erfolgte der Startschuss für diese SCHIWE zeremoniell: Andrea Seehuber, die Teil der verantwortlichen Projektgruppe war, brachte mit einer „olympischen SCHIWE-Flamme“ einen herzförmigen Luftballon zum Platzen, woraufhin silbernes Konfetti auf die Anwesenden regnete. „Love is in the Air“ dachten viele bei dieser liebewollen Inszenierung.
Mit positiven Gefühlen gingen wir also das Thema Interdisziplinarität an, das vom Kollegium letzten Sommer beschlossen wurde. Damit knüpfen wir an eine längere Tradition unseres Gymnasiums an, die bereits an der SCHIWE 2016 ihren Anfang nahm. Am Anfang dieser aktuellen Arbeit der Projektgruppen steht eine Umfrage, die zeigte, dass das Kollegium der interdisziplinären Arbeit grundsätzlich positiv gegenübersteht.
Und unsere Vorerfahrungen sind bereits beachtlich: Gefässe wie das „Interdisziplinäre Projekt“ im zweiten Schuljahr, interdisziplinäre Wahlkurse oder spezielle Projekte in der Wahlfachwoche machen unseren Unterrichtsalltag bereits heute sehr interdisziplinär. Die Theorie zur gelebten Praxis vermittelte der externe Referent Mark Eyer. Er beleuchtete das Thema zunächst historisch und bildungspolitisch, um es anschliessend didaktisch zu verorten. Er führte weiter aus, warum und wie umgesetzt werden sollte.

Besonders eindrücklich war die von Herrn Eyer präsentierte Metapher für nicht-interdisziplinäres schulisches Denken: Er verglich das menschliche Gehirn mit einem Raum voller Schubladen, die für die einzelnen Schulfächer stehen. Das Ziel interdisziplinärer Bildung sei es, den Austausch zwischen diesen Schubladen zu stärken und transparenter zu gestalten. Passend dazu endete der Input mit einem Zitat von Karl Popper, das unser Bild von Schule und Lernenden auf den Punkt bringt:
„Wir sind nicht Studierende von Fachgebieten, sondern Studierende von Problemen. Und Probleme können quer durch die Grenzen jedes Fachgebiets oder jeder Disziplin verlaufen.“
Der Nachmittag stand im Zeichen der Entwicklung neuer interdisziplinärer Unterrichtsideen und -projekte. Ausgangspunkt dafür war die Frage, welche Stärken jedes Fach in ein interdisziplinäres Projekt einbringen kann.

Der Dienstagvormittag wurde mit einem Referat von David Zhang fortgesetzt, der nach seinem Studium der Biologie und Germanistik an der Universität Heidelberg nun bei Roche tätig ist. David Zhang, der ursprünglich aus China stammt, sprach in seinem Vortrag nicht nur über seinen persönlichen Werdegang, sondern beleuchtete vor allem die Rolle, welche die Interdisziplinarität in der modernen Arbeitswelt spielt.


Sein Referat begann mit einem spielerischen Einstieg, an der sich eine weitere Metapher für das Nachdenken über fächerübergreifendes Arbeiten anschloss. Er präsentierte das Bild einer Weltkarte, auf der die verschiedenen Ozeane eingezeichnet waren. Auf der darauffolgenden Folie wurden in diese Ozeane jedoch die einzelnen Schulfächer gesetzt – was ein zerstückeltes Bild der Weltmeere abgab. In dieser Analogie fungieren die Schulfächer wie von massiven Mauern eingehegte Wassermassen: Diese gedachten Dämme trennen die Wissensbereiche strikt voneinander und schränken dadurch den natürlichen Fluss der Weltmeere ein.
Wie wichtig das Einreissen dieser Mauern ist, verdeutlichte er am Beispiel der Entwicklung und Zulassung von Medikamenten. Er schilderte eindrücklich, wie viele Experten aus unterschiedlichsten Disziplinen zusammenarbeiten müssen, um ein einziges Medikament erfolgreich auf den Markt zu bringen. Der Schlüssel zum Erfolg liegt laut Zhang darin, das eigene Fachwissen sinnvoll mit anderen zu teilen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen.
Sein zentrales Credo deckt sich dabei mit den Anforderungen der Digitalisierung: kritisches Denken, Kreativität und kooperatives Handeln. Für ein erfolgreiches interdisziplinäres Lernen im schulischen und beruflichen Kontext bedarf es zuerst einer psychologisch sicheren Umgebung, in der man sich traut, neue Wege zu gehen. Die Arbeit sollte dann an kleinen, praktischen Problemen beginnen und durch schnelles Feedback unterstützt werden. In Kleingruppen entwickelte Ideen können mit anderen Gruppen ausgetauscht und dann in grösseren Kontexten umgesetzt werden. Feedback und Zeit sind dafür zentrale Ressourcen.
Mit dem Gedanken, dass bei interdisziplinären Prozessen jedes Fach wichtig ist, entwickelten wir für den Rest des Tages in verschiedenen Konstellationen konkrete Formen interdisziplinärer Zusammenarbeit für unsere Schule entwickelt. Als Resultat dieser intensiven Workshop-Phase entstand eine umfangreiche Liste an Projekten, die nun im Verlauf des nächsten Schulentwicklungszyklus erprobt und evaluiert werden.

Interdisziplinarität an der Schule bedeutet, die Schubladen in den Gehirnen zu öffnen und deren Inhalte auszutauschen oder die imaginierten Staumauern einreissen, damit das Wasser des Wissens ungehinderter fliessen kann. Am Ende kann ein Unterricht stehen, bei dem das Zeichnen von Wolken und die Analyse des berühmten Gedichts von Goethe über Wolken zusammengedacht wird mit dem Wetter in verschiedenen Klimazonen und den physikalischen Eigenschaften des Wassers. Dann würde das Läuten der Schulglocke nur eine Pause im Denken in verschiedenen Fachbereichen bedeuten und nicht für den permanenten Wechsel von einem Fach zum anderen stehen.



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