Die Zukunft gehört dem Menschsein

Liebe Absolventinnen und Absolventen, liebe Eltern, liebe Gäste, liebe Angehörige, liebe Kolleginnen und Kollegen.

Schauen Sie sich um. Wahrscheinlich haben Sie schon lange von diesem Moment geträumt, ihn sich vorgestellt und lange überlegt, was Sie anziehen werden, wo und wie sie feiern gehen und wo Sie nach der Abschlussfeier in die wohlverdienten Ferien wollen.  
 
Das ist jetzt der Moment. Man spürt das kollektive Aufatmen. Sie haben es geschafft. Der Abschluss ist in der Tasche. Ein wichtiger Meilenstein.

Vor drei Jahren haben Sie an der FMS Muttenz gestartet nun sind diese Jahre bereits vorbei. Was bleibt in Erinnerung? Die Erinnerung an ein Schuljahr, aber auch an die gesamte Schulzeit ist ein Mosaik aus Momenten.  Machen wir ein kleines Gedankenexperiment. Überlegen Sie sich, während 20 Sekunden einen Moment aus ihrer Schulzeit, der ihnen positiv in Erinnerung geblieben ist, der Sie immer wieder zum Lachen bringt, und erzählen Sie diesen der Person, die neben Ihnen sitzt.    


Haben Sie ähnliche Momente gewählt oder waren es ganz unterschiedliche?
 
Sie haben unzählige Stunden gebüffelt, Prüfungen überstanden, Praktika absolviert, an Ihren Selbständigen Arbeiten geschwitzt – und vielleicht auch mal an allem gezweifelt.
 
Aber heute stehen Sie ihr hier als Gewinnerinnen und Gewinner. Sie haben bewiesen, dass Sie flexibel sind, dass Sie Biss haben und dass Sie sich auch durchbeissen können. Zu dieser herausragenden Leistung gratuliere ich Ihnen von ganzem Herzen.

Wahrscheinlich haben Sie es schon mehrfach gehört diese Woche und erwarten auch von mir, dass ich Ihnen das sage: Sie sehen einer strahlenden Zukunft entgegen.
Aber halt, es gibt ihn, den sogenannten Elefanten im Raum! Das, was viele hier drinnen spüren, aber worüber kaum jemand jetzt sprechen mag. 

Wenn man heutzutage die Nachrichten einschaltet, kann man sich schon fragen, wie strahlend diese Zukunft sein wird. Wir leben in sogenannten „schwierigen Zeiten“. Krisen sind das mediale Grundrauschen. Viele von uns verbringen Stunden mit Doom Scrolling und oft ist es schwierig, die richtige Balance zwischen Informiert bleiben und sich abgrenzen zu halten.
Die Klimaerwärmung, der Ukrainekrieg, der Irankrieg, die zahlreichen Konflikte auf der Welt, die abseits der medialen Berichterstattung stattfinden, die Benzinpreise und vieles mehr machen es einem schwer, an eine positive Zukunft für die Menschheit zu glauben.
 
 Aber auch was Ihre beruflichen Aussichten angeht, werden sich einige von Ihnen – und vielleicht auch Ihre Eltern – im Stillen fragen:
 „Was ist mein Abschluss in ein paar Jahren noch wert? Wird es mein Berufsfeld überhaupt noch brauchen oder wird eine KI meinen zukünftigen Job verändern oder gar ersetzen?“

Es wäre leichtfertig, diese Fragen einfach wegzulächeln.
Ja, die Arbeitswelt wird sich drastisch verändern. KI wird Berichte schreiben, Daten analysieren, Routinen übernehmen. Das gilt für Lehrpersonen, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, Pflegefachkräfte, Künstlerinnen und Künstler und Kulturschaffende. Es findet ein Strukturwandel statt, der in seiner Geschwindigkeit wohl einzigartig ist. 
Aber – und das ist das alles Entscheidende – Ihre Ausbildung gibt Ihnen genau das mit, was Sie in dieser Welt brauchen. Sie sind fit für diesen Strukturwandel. 

Warum bin ich mir da so sicher?
Erstens sind Sie eine ganz spezielle Generation. Sie haben in Ihrer Schulzeit noch das Arbeiten ohne KI kennengelernt und auch das Arbeiten mit KI.

Zudem hat die FMS Muttenz Sie nicht zu Datenspeichern ausgebildet. Um reines Faktenwissen auswendig zu lernen, braucht man keine Schule mehr, das kann jedes Smartphone. Nein, Sie haben hier etwas viel Wertvolleres gelernt: Sie haben gelernt, zu verstehen. Sie haben gelernt, kritisch zu denken, Zusammenhänge zu begreifen und Empathie zu leben.

Alles, was Sie als Menschen ausmacht – Ihre Kreativität, Ihr Humor, Ihre Fähigkeit, Beziehungen aufzubauen, Ihre emotionale Intelligenz –, all das ist absolut krisenfest. Und genau das sind die Kompetenzen, die in einer technisierten Welt nicht weniger, sondern immer wichtiger werden. Die Welt braucht in Zukunft keine besseren Datenspeicher und Roboter. Sie braucht empathische, denkende und mutige Menschen.

Deswegen empfehle ich Ihnen im Hinblick auf ihre berufliche Zukunft eine Portion Gelassenheit und Zuversicht.
Das bedeutet nicht, blind darauf zu hoffen, dass alles von alleine gut wird. Zuversicht ist eine Entscheidung. Es ist das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und in die eigene Gestaltungskraft. Und darauf, dass sich immer wieder neue Möglichkeiten ergeben.
 
Ein kleines Beispiel gefällig?
Sagt Ihnen der Begriff „Human in the loop“ etwas?
Unternehmen stellen heute verstärkt Fachkräfte ein, um die von Mitarbeitern genutzten KI-Ergebnisse systematisch zu überprüfen und abzusichern.

Dieser Ansatz wird als „Human-in-the-Loop“ bezeichnet. Er soll verhindern, dass ungeprüfte KI-Fehler gravierende wirtschaftliche oder rechtliche Schäden anrichten.

Und diese Prüfer werden in vielen Bereichen dringend gebraucht.

In der Medizin: Fehler in Dosierungen oder Behandlungsberichten sind lebensgefährlich. Im Finanz- & Rechtswesen: Falsche Rechtsberatungen oder fehlerhafte Compliance-Berichte führen zu Millionenstrafen. In technischen Dokumentationen: Fehlerhafte Handbücher im Maschinenbau bergen extreme Sicherheits- und Haftungsrisiken.

Wir brauchen ihn also nach wie vor, diesen „Human in the loop“. Und das ist nur ein Beispiel von vielen, wie durch Strukturwandel neue Jobs entstehen können. 


Sie haben an der FMS nicht nur Fachwissen erworben, sondern gelernt, wie man lernt. Das ist Ihre Superkraft für die Zukunft. Wenn sich Jobs verändern, dann werden Sie sich mit ihnen verändern. Sie werden die KI als Werkzeug nutzen, um produktiver zu sein, damit Sie mehr Zeit für das Wesentliche haben: für die Menschen und für die kreative Problemlösung.

Sie sind eine Generation, die diese neue Welt mitgestalten darf. Sie müssen keine Angst vor der Zukunft haben, denn Sie bringen das Fundament mit, um sie zu meistern.


Liebe Absolventinnen und Absolventen, ein solcher Erfolg ist selten ein Solokonzert. Ein grosser Dank gehört heute auch Ihren Familien und Freunden, die Ihnen den Rücken freigehalten haben. Und natürlich den Lehrpersonen, die Sie gefordert, gefördert und auf diesem Weg begleitet haben.

Wenn Sie heute Abend feiern – und das sollten Sie ausgiebig tun – dann seien Sie stolz auf das Erreichte. Sie haben das Fundament gelegt. Die Türen stehen Ihnen offen.

Gehen Sie raus mit erhobenem Haupt. Seien Sie neugierig, bleiben Sie flexibel, aber bleiben Sie vor allem Mensch. Die Welt wartet nicht auf Sie – sie wird von Ihnen gemacht.

Herzlichen Glückwunsch zum Abschluss der Fachmittelschule! Alles Gute für Ihren weiteren Weg!

Alexander Bieger

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