
Diesen Sommer endet die Zwischennutzung der Mittenza. Das Stück «Selfie mit dem Tod», das die Klasse F2b vom 10. bis zum 12. Juni hier aufführt, ist das letzte Event, bei dem man noch die alte Telefonzelle im Untergeschoss und die blau-weiss-gelben Ornamente aus den 1980er-Jahren wehmütig bewundern kann. Und wie die Mittenza eine neue Zukunft bekommt, hat sich auch das Stück «Selfie mit dem Tod», geschrieben von Sophia Niehl und inszeniert von Aurel von Arx und Micha Näf, mit der Zukunft beschäftigt.
Fotos: Daniel Nussbaumer, Text: Timo Kröner, Schüler:innen der F2c
In dem Stück wird gestorben, leider. Doch es ist eben in erster Linie ein Kriminalstück, das auch von Agatha Christie stammen könnte. Zuerst liegt Celine tot unter dem Kronleuchter, der sein warmes und weiches Licht auf den Bühnenraum hinter dem Vorhang wirft. Sie wird von den Kolleginnen erst gar nicht bemerkt, denen die Selbstinszenierung so viel wichtiger ist als der Tod der Freundin. Später fotografieren sie sich noch mit der Leiche. Janine und Jacqueline brauchen den Content als Ergänzung zu ihren Schminkvideos.



Beni hingegen versucht mit Hilfe der philosophierenden Kassandra, die Morde an Celine, Jannik, an Leandro und seiner KI und zuletzt an Jacqueline und Janine aufzuklären. Am Ende ist dann die unscheinbare Heidi die Mörderin. Sie hat sich einer Schönheitsoperation unterzogen und wollte nicht, dass die anderen davon erfahren. Die Opfer hatten eines gemeinsam: Sie kannten die Bilder von ihrem früheren Aussehen. Heidi stirbt beim Versuch, Beni und Kassandra umzubringen, nachdem auch sie ihr Geheimnis gelüftet haben.





Oberflächlichkeit und Tiefgang
Das Stück ist nicht nur spannend, es hat auch Tiefgang. Die grosse Bühne der Mittenza erlaubt ein Spiel auf zwei Ebenen. Während im vorderen Teil der Bühne eher nachgedacht und kommentiert wird, erleben wir im tiefen Bühnenraum hinter dem aufgezogenen Vorhang den Alltag im Internat. Da wird gefeiert und gelacht, gefilmt und geschminkt, während vorne die tote Celine liegt. Die Lehrerin versucht, die Leiche zu belehren, und rennt entnervt davon, als diese nicht reagiert. Auf der anderen Seite philosophiert Kassandra am vorderen Rand der Bühne über den Sinn des Lebens und verkörpert so das Gegenbild zu den Influencerinnen Janine und Jacqueline, die die Welt weniger mit Gedanken durchdringen als mit «Oh mein Gott!» kommentieren.

Klassik und Kosmetik
Nicht nur der Name «Kassandra» erinnert an klassische Themen. Kassandra ist die Seherin aus der «Ilias», die den Untergang von Troja voraussagt und im Stück vorausahnt, dass Heidis kosmetische Operation bei Dr. Nice etwas mit den Morden zu tun hat. Ihre Monologe erinnern an die Shakespeareschen Monologe Hamlets, während die Gesamtanlage des Stückes etwas von Schiller hat: Viel Emotionen, viel stürmische Ausrufe und einen drängenden Protagonisten, der am Ende die Mörderin entlarvt.

Sprechgesang und Zwölftonmusik
Und noch etwas erinnert an klassische Dramen: Die beiden Youtuber Ficho und MC Morris, die vor der Bühne das Stück kommentieren und moderieren, erscheinen wie ein Chor aus einem Stück von Bertolt Brecht, der den Dialog mit dem Publikum sucht und sogar mitten im Stück den Kameramann um einen Kommentar zur Handlung bittet. Der Sprechgesang und die Einlagen, die an ein Pausengespräch – «Bro!» – erinnern, lockern die Handlung auf und sind natürlich eine Antithese zur Figur Amadeus, der im Anzug am Klavier Zwölftonmusik übt und sich daher leider nicht um die Leichen kümmern kann, denn sonst käme er ja nicht auf seine drei Stunden Übungszeit pro Tag.



Kettensäge und KI
Sogar die KI ist personifiziert, als eine in weiss gekleidete Figur, die im warmen Scheinwerferlicht immer das Richtige sagt, nett und höflich. Aber im kalten blauen Licht tritt ihr wahrer Charakter zutage: Sie flucht tourette-artig und beschimpft ihren Schöpfer. Und als wäre das neben der ständigen Selbstinszenierung nicht genug Gegenwartskommentar, bekommt auch Javier Milei mit seiner Kettensägen-Politik seinen Auftritt. Am Ende schnappt sich Heidi eine Motorsäge aus dem Keller und wütet gegen Beni und Kassandra, die sie zuvor entlarvt haben. Auch hier erscheint das wahre Gesicht der Figur in kaltem, blauem Licht. Beni und Kassandra überleben, Heidi nicht.



Die Klasse F2b hat Action und Tiefgang in die Mittenza gebracht. Bei der Veranstaltung für Klassen am Mittwochnachmittag war das Haus voll – und begeistert.
Lesen Sie hier einige Stimmen der Klasse F2c zum Stück:
Janine und Jaqueline wurden sehr echt und lebhaft inszeniert und spiegeln den heutigen Umgang mit Social Media wider. Für sie stehen Reichweite und Likes oft mehr im Mittelpunkt als die Morde im Theater.
Ilenia nahm die Rolle von Beni ein und es war sehr überzeugend, wie sie die Emotionen auf der Bühne rüberbringen konnte. Beni war der einzige, dem die plötzlichen Morde wirklich interessierten, und das konnte man deutlich erkennen. Ihr Kostüm gefiel uns, da sie wie ein wirklicher Junge angezogen war.
Heidi scheint sehr unschuldig. Ihre Unschuld machte sie unauffällig, was dazu führte, dass die Offenbarung ihres eigentlichen Charakters eine grosse Überraschung war. Sie war sehr besessen von ihrem Aussehen und von der Kritik ihrer Mitschüler an ihrer Nasen-OP.
Frau Schrupp hat als Lehrerin eine sehr überzeugende Darstellung abgeliefert und man konnte tatsächlich Parallelen erkennen. Ihre Emotionen kamen sehr überzeugend bei uns an und wir fühlten uns beinahe wie im Klassenzimmer.
Immer in ihrer eigenen Welt,
Ist die Kassandra, die uns gefällt.
Sie denkt immer rational,
Spricht in Reimen, das ist ideal.
Was uns sehr beeindruckt hat, sind die Rollen von Ficho und Mc Morris. Sie haben alles improvisiert und haben kein fixes Skript gehabt. Die beiden waren sehr ehrlich und sagten ihre Meinung zum Stück. Diese ehrlichen und lustigen Impulse waren sehr unterhaltend und abwechslungsreich.
Der Nerd und die KI zeigen im Stück, wie stark Menschen von Technik und künstlicher Intelligenz abhängig werden können. Durch seine Begeisterung für die KI verliert er teilweise den Bezug zur eigenen Meinung. Die KI unterstützt ihn zwar, beeinflusst aber auch seine Entscheidungen. Dadurch wird deutlich, welche Chancen, aber auch welche Gefahren der Umgang mit künstlicher Intelligenz mit sich bringt.

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