

Am 21. Mai haben die Fachmaturand*innen der Berufsfelder Gesundheit, Soziales und Kunst ein grosses Zwischenziel auf dem Weg ihrer Ausbildung und beruflichen Laufbahn erreicht. Sie bekamen ihr Fachmaturitätszeugnis von den Schulleitungen und Lehrpersonen der Mittelschulstandorte Liestal, Münchenstein, Muttenz und Oberwil überreicht. Die Feier fand im Kultur- und Sportzentrum Münchenstein statt und wurde musikalisch umrahmt vom Gym Kammerchor Muttenz. Die Gastrede, hier in diesem Beitrag enthalten, hielt Sonja Tozzo. Sie bricht darin eine Lanze für den Pflegeberuf und rät den jugendlichen Absolvent*innen, ihren Beruf mit ebenso grossem Engagement wie mit Freude und Stolz zu wählen und zu leben. Aus ihren Worten geht besonders deutlich hervor, dass ein Beruf nicht einfach ein Job, sondern eine Berufung sein soll. Eine kleine Foto-Galerie ist am Schluss dieses Beitrags zu sehen. Die Schulen bekommen die Fotos von den Zeugnisübergaben zur Weiterleitung an die Absolvent*innen speziell zugestellt. –Nu
Liebe Fachmaturandinnen, liebe Fachmaturanden, liebe Lehrpersonen, liebe Eltern und Gäste
Mein Name ist Sonja Tozzo und ich freue mich sehr, heute an der Fachmaturitätsfeier der Berufsfelder Gesundheit, Soziales und Kunst zu Ihnen sprechen zu dürfen.
Liebe Absolventinnen und Absolventen der Fachmatur 2026
Herzliche Gratulation zu Ihrem Abschluss. Heute dürfen Sie stolz auf das sein, was Sie erreicht haben – und gespannt auf das, was vor Ihnen liegt.
Als ich vor einem Jahr gefragt wurde, ob ich diese Rede halten würde, war ich ehrlich gesagt überrascht. Ich, eine frühpensionierte Pflegefachfrau, keine geübte Rednerin und schon gar keine Akademikerin. Diese Aufgabe erschien mir ziemlich beängstigend.
Doch man sagte mir:
„Erzähle den jungen Menschen, was Du ihnen aus dem Berufsalltag mitgeben möchtest.“ Je länger ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir: Ja, ich möchte Ihnen etwas mitgeben. Eine grössere Plattform, um für den wunderbaren Berufsstand der Pflege zu werben, werde ich nie mehr bekommen!
Denn die Berufswelt braucht Menschen wie Sie – dringend. In sozialen Berufen, im Gesundheitswesen, in der Kunst und in vielen anderen Bereichen. Gesucht werden nicht nur Fachkräfte, sondern Menschen mit Herz, Haltung und Begeisterung. Ich selbst habe über 30 Jahre lang mit Leidenschaft in der Pflege gearbeitet. Und genau über diesen Berufsstolz möchte ich heute sprechen.
1983 sass ich in der Aula des Gymnasiums Muttenz selbst an einer Abschlussfeier – damals nach der DMS 2, einer Vorgängerschule der heutigen FMS.
Nach dem Erhalt des Abschlussdiploms hatte ich mir eine der begehrten Lehrstellen im Kinderspital Basel ergattert. Nun musste ich aber noch ein halbes Jahr ins Tessin oder ins Welschland. Man wollte nämlich sehen, ob wir uns als Au-pair behaupten können und in Familien mit Kindern unsere Eignung für den künftigen Beruf beweisen.
Kurz darauf begann ich meine Lernzeit im Kinderspital Basel. Die Ausbildung war streng, wir wohnten in den Schwesternhäusern, arbeiteten oft in Schichten und hatten vor allem zu gehorchen.
Aber wir lernten unser Handwerk gründlich.
Nach drei Jahren Lehrzeit heftete man mir an der Diplomfeier zur Pflegefachfrau diese Brosche an die Bluse und dies war der Beweis: ich war jetzt eine diplomierte Pflegefachperson und bereit für die Zukunft.


Mein Titel war KWS, Kinder und Wöchnerinnenschwester. Ich liebte es die «Schwester Sonja» zu sein und auch so gerufen zu werden!
Diese Broschen waren ein Statussymbol und ein wichtiges Erkennungszeichen in allen Pflege- Institutionen zu dieser Zeit.
Ich arbeitete auf der chirurgischen Wachstation mit Kindern. Dort gab es echt viel Action mit Infusionen, Kabeln und komplexen Fällen. Wir waren jung, wild und unerschrocken. Die Arbeit war intensiv, manchmal belastend, aber wir liebten unseren Beruf und studierten nicht über Work-Life-Balance nach. Hatten wir in diesen Zeiten auch noch viel Zeit und Kapazitäten für unsere kleinen Patienten!
Wir trugen Schürzen und Birkenstock Schuhe, «alle» rauchten wir, als gäbe es kein Morgen mehr, und nach dem Feierabend kochten wir mit den ebenfalls noch jungen Assistenzärzten Spaghetti.
Wir waren freudig im Leben unterwegs.
Ich arbeitete gerne auf der Chirurgie, da hatten wir Erfolg und die meisten Kinder wurden auch wieder gesund. Ich konnte mich in dieser Lebensphase noch nicht mit der Sterblichkeit auseinandersetzen. In meinem Gedankengut durften Kinder nicht sterben.
Später wurde ich Mutter und kehrte nach vielen Jahren Familienzeit wieder in den Beruf zurück – diesmal in die Alterspflege. Diese hatten wir damals als Kinderkrankenschwestern eher etwas belächelt. Nun wurde mir aber schlagartig bewusst, was für ein grosses Können dieser Berufszweig erforderte.
Im Altersheim hast du keine Ärzte oder Ärztinnen an deiner Seite, du musst das Handwerk beherrschen und du hast sehr viel Verantwortung.
Die fehlenden Skills der Altenpflege erlernte ich nicht an Fachhochschulen, sondern von meinen geschätzten Arbeitskolleginnen, die meistens nur einen Rotkreuz-Kurs gemacht hatten, die aber sehr viel Berufs- und Lebenserfahrung mitbrachten. Wunderbare Pflegehelferinnen – ja, ausschliesslich Frauen. Ich beobachtete sie gut und sie lehrten mich die Kunst, Menschen würdig und professionell in ihrem letzten Lebensabschnitt und den letzten Lebenstagen zu begleiten.
Was mir als junger Pflegefachfrau Angst gemacht hatte, wurde zu meiner Passion. Es ist eine grosse Ehre, einem alten Menschen das letzte Mal die Hand zu streichen und ihm dann sanft die Augen für immer schliessen zu dürfen.
Als ehemalige Chirurgie-Mitarbeiterin blieb mein Interesse für Wunden erhalten und ich bildete mich in diesem Bereich immer weiter und wurde bald Wundverantwortliche im Heim.
Am Schluss meiner Karriere leitete ich sogar noch einige Jahre eine Abteilung.
Das dunkelste Kapitel in der Krankenpflege der letzten Jahre war wohl die Coronazeit. Die alten, einsamen Menschen in ihren Zimmern isoliert zu sehen, brach mir oft fast das Herz. Bereits nach kurzer Zeit der Isolation in den Zimmern, wollten unsere Bewohner/innen nicht mehr essen und verloren all ihren Lebensmut. Doch ich erlebte auch unglaublichen Zusammenhalt: Mitarbeitende, die an ihren freien Tagen und in ihren Pausen bei Bewohnerinnen und Bewohnern sassen, damit diese nicht allein essen mussten und Gesellschaft hatten. Menschen, die weit über ihre Pflicht hinausgingen.
Wir wehrten uns vehement gegen den Bundesratsentschluss, dass die alten Menschen ohne Angehörige an ihrer Seite sterben sollten, und man fand mit der Heimleitung würdige Kompromisse.
Diese Zeit zeigte mir: Fachwissen ist wichtig – aber Menschlichkeit ist unersetzlich.
Leider wurde die Personalsituation nach dieser Zeit immer schwieriger. Personalmangel und viele Krankheitstage gehören im Pflegeberuf mittlerweile zum Alltag. Viele Held/innen der Coronazeit verliessen ausgebrannt ihre Arbeitsstätten und die Basis wurde arg geschwächt.
Zu meiner Freude kamen immer wieder junge, motivierte Fachkräfte, und dies gab mir Hoffnung, dass unser Berufsstand nicht aussterben würde.
Zum Ende meiner Laufbahn Ende 2024 durfte ich meine Leitungsfunktion an zwei junge, engagierte Berufsleute übergeben – 24 und 23 Jahre alt. Die beiden führen nun die Abteilung mit neuem Elan. Sie sehen, Im Pflegeberuf können Sie jung Karriere machen!
Engagieren Sie sich auch im Berufsverband und helfen Sie mit, damit die Pflegeinitiative schneller und gehaltvoller umgesetzt wird! Junge Menschen bringen neue Ideen, Energie und Mut mit. Genau das braucht unsere Gesellschaft.
Darum möchte ich Ihnen, unabhängig von Ihrem Berufsfeld, heute drei Dinge mitgeben:
Erstens: Begegnen Sie Menschen mit Respekt – unabhängig von Alter, Herkunft oder Funktion. Gute Teams entstehen durch Vielfalt und gegenseitige Wertschätzung.
Zweitens: Lernen Sie von guten Vorbildern. Und wenn Sie selbst einmal Verantwortung tragen, werden Sie eine Führungsperson, die Menschen stärkt statt klein macht.
Und drittens: Suchen Sie nicht einfach irgendeinen Job. Finden Sie etwas, das Sie erfüllt. Denn wer seine Arbeit mit Überzeugung macht, entwickelt Berufsstolz – und dieser trägt einen oft auch durch schwierige Zeiten.
An meinem ersten Arbeitstag im Altersheim sagte ich zu meinem Mann:
«Wenn ich die Alterspflege beherrsche, dann ziehe ich meine Brosche wieder einmal an.»
Da kam er dann, mein letzter Arbeitstag. Ich polierte meine alte Brosche, steckte sie an meinen Arbeitskittel und ging ein letztes Mal durch die Gänge des Pflegeheims.
Ich trug die Brosche nicht, weil ich alles wusste oder alles perfekt konnte. Sondern weil ich nach all den Jahren immer noch stolz auf meinen Beruf war.
Halt einfach die Schwester Sonja.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen, dass auch Sie Ihren eigenen Weg mit Stolz, Leidenschaft und Menschlichkeit gehen.
Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!
Sonja Tozzo

















































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