Wenn aus vielen Stimmen ein gemeinsamer Klang wird

Als Gevorg Gharabekyan das Konzert eröffnet, richte ich meine Aufmerksamkeit auf seine Bewegungen und wir warten, bis wir lossingen dürfen. Mit seinen Händen koordiniert er die verschiedenen Musiker und Musikerinnen.

Wir, die Chöre der Gymnasien Leonhard, Liestal und Muttenz, singen gemeinsam mit dem Kammerorchester I TEMPI. Als Klarinettensolistin wirkt Sharon Kam mit. Unterschiedliche Stimmen und Instrumente müssen zusammenfinden, damit aus vielen Einzelteilen ein gemeinsamer Klang entsteht.

Doch wieso heisst das Konzert «Atem des Friedens»?

In einem Interview sagt Gharabekyan, dass ihn die vielen Menschen beschäftigen, die unter Kriegen und anderen schrecklichen Ereignissen leiden. Er habe sich angesichts dieser Situation machtlos gefühlt und sich gefragt, was er als Musiker dagegen tun könne. Mit dem Konzert möchte er deshalb eine Botschaft vermitteln, auch wenn Musik die Konflikte der Welt nicht direkt beenden kann.

Der Titel sei bewusst gewählt. Wir müssen beim Singen gemeinsam atmen, und auch die Musikerinnen und Musiker des Orchesters müssen beim Spielen auf ihre Atmung achten. Der Atem wird so zum Symbol für etwas, das alle Menschen miteinander teilen. Gharabekyan wünscht sich, dass das Publikum diese Gemeinsamkeit wahrnimmt und die Botschaft nicht nur mit dem Verstand, sondern vor allem mit dem Gefühl erlebt.

Unterschiedliche Menschen kommen zusammen, hören aufeinander und versuchen, etwas Gemeinsames zu schaffen. Gharabekyan erzählt, dass er während der Proben Momente erlebt habe, in denen er spürte, wie wir musikalisch zusammenfanden. Er sei fasziniert davon, wie gut die jungen Sängerinnen und Sänger musizierten. Dass Gymnasien solche Chöre hervorbringen und Projekte dieser Art möglich sind, sei für ihn keineswegs selbstverständlich.

Wir mussten für dieses Konzert unser Wochenende opfern. Da die Schule gerade vor der Winterzeit viel Zeit beansprucht, ist es für uns schwierig, daneben unseren Hobbys nachzugehen. Am Ende ist es jedoch immer unglaublich, was wir alle zusammen auf die Beine stellen.

Mit Felix Mendelssohns «Verleih uns Frieden gnädiglich» beginnt das musikalische Programm. Unsere Stimmen verbinden sich mit dem Orchester, während Gharabekyan die verschiedenen Gruppen mit seinen Gesten zusammenführt.

Die Männerstimmen leiten das Stück ein, worauf die Frauenstimmen dann mit einsteigen. Bei diesem Stück versuchen wir auch die Botschaft des Friedens an das Publikum zu übermitteln, wie unser Dirigent es immer erklärte. Die Bitte an den Frieden, dem wir selbst nachsinnen sollten, wird an das Publikum weitergeleitet.

Nach dem Stück wendet sich der Dirigent an das Publikum. Er erzählt, wie ihn Musik bereits als Kind fasziniert habe. Seine Mutter habe ihm berichtet, dass er ihr schon im Alter von drei Jahren aufmerksam zugehört habe, wenn sie Violine spielte.

Anschliessend kommt Gharabekyan auf die Frage zurück, die ihn zur Idee des Konzerts geführt hat: Was kann er als Musiker in einer Welt tun, in der Kriege stattfinden und Menschen leiden? Seine Antwort formuliert er mit einem Satz, der die Absicht des Abends auf den Punkt bringt: «Mit Waffen habe ich keine Freundschaft. Die einzige Waffe, die ich beherrsche, ist die Musik.»

Dann fragt er das Publikum: «Kann Musik wirklich uns Menschen friedlicher machen?»

Für einen Moment bleibt es still. Schliesslich beantwortet er seine eigene Frage: «Ja! Natürlich!» Musik könne Menschen berühren und miteinander verbinden. Genau deshalb hätten sich so viele Mitwirkende für dieses Projekt zusammengefunden.

Gharabekyan bittet das Publikum, zwischen den Sätzen der folgenden Werke nicht zu applaudieren. Gleichzeitig kündigt er eine Überraschung an, bei der später alle selbst aktiv werden sollen. Auch wir wissen noch nicht, was uns erwartet.

Zudem werden wir, die Chöre, selbst zum Publikum. Denn nun übernimmt Sharon Kam mit dem Kammerorchester die Bühne. Im Klarinettenkonzert in A-Dur KV 622 von Wolfgang Amadeus Mozart wechseln sich lebhafte und ruhige Passagen ab. Das Orchester eröffnet das Werk, bevor sich die Solistin mit ihrer Klarinette einbringt. Die Musikerinnen und Musiker reagieren aufeinander, während Gharabekyan die Einsätze koordiniert.

Als Sänger ist es immer faszinierend zu erleben, wie ein Orchester zusammenarbeitet. Auch wenn verschiedene Stimmen zusammenarbeiten müssen, ist es nochmals etwas anderes, wenn Instrumente dies tun. Ohne Wörter Botschaften zu vermitteln ist nochmals eine Kunst für sich selbst.

Mit dem verspielten dritten Satz endet das Konzertstück. Ein «Bravo!» ertönt aus dem Publikum, und Applaus erfüllt den Saal. Nach der Übergabe eines Blumenstrausses kündigt Sharon Kam eine kleine Überraschung an. Gemeinsam mit einem Kontrabassisten spielt sie «Summertime» von Ella Fitzgerald und Louis Armstrong. Das Stück ist nicht Teil des offiziellen Konzertprogramms und sorgt für einen zusätzlichen musikalischen Moment, bevor die Pause beginnt.

Nach der Pause kehren die Chöre auf die Bühne und die Balkone zurück. Wir bleiben stehen und sind bereit. Diesmal stehen allein wir, die Stimmen, im Mittelpunkt. Gharabekyan gibt das Zeichen, und die Sängerinnen und Sänger beginnen Frank Tichelis «Earth Song» ohne instrumentale Begleitung.

Der Chorklang breitet sich im Saal aus Bei der A-cappella-Aufführung müssen wir darauf achten, dass wir chorisch (versetzt) atmen. Auch wenn der Atem uns alle verbinden soll, ist es wichtig, dass keine unnötigen Unterbrechungen entstehen, und der Chorklang scheint ohne Pause weiterzufliessen.

Am Ende mündet der Gesang in das Wort «Peace». Dann verstummen wir alle. Doch Gharabekyan beendet den Moment nicht sofort. Mit seinen Händen hält er die Spannung aufrecht. Wir warten auf sein Zeichen, während die Stille im Saal anhält. Rund zwanzig Sekunden lang bleibt es still.

Anschliessend nehmen wir wieder Platz, und das Orchester bereitet sich auf das letzte grosse Werk des Abends vor und wir werden wieder zum Publikum. Es folgt Ludwig van Beethovens Sinfonie Nr. 8 in F-Dur, op. 93.

Die Sinfonie zeigt eine andere Seite des musikalischen Zusammenspiels. Lebhafte Rhythmen wechseln sich mit ruhigeren Passagen ab. Mal treten die Streicher hervor, mal übernehmen die Bläser die Führung. Die Musik wirkt stellenweise verspielt, an anderen Stellen kraftvoll und dramatisch. Trotz der unterschiedlichen Instrumente bleibt das Zusammenspiel eng miteinander verbunden.

Als die Sinfonie endet, folgt zunächst ein kurzer Moment der Stille. Dann ruft erneut jemand «Bravo!». Der Applaus wird immer lauter. Gharabekyan und das Orchester verbeugen sich. Doch der Abend ist noch nicht vorbei. Gharabekyan erinnert das Publikum an die angekündigte Überraschung. Er teilt die Zuhörerinnen und Zuhörer in Gruppen ein und gibt jeder Gruppe einen Ton vor. Mit seinen Handbewegungen führt er sie an und lässt die Töne höher oder tiefer werden.

Um 18.57 Uhr erklingen im ganzen Saal unterschiedliche Töne. Menschen, die zuvor still zugehört haben, werden nun selbst Teil der Musik. Jede Gruppe trägt ihren eigenen Klang bei. Selbst wir sind uns unsicher, ob wir mitsingen sollten oder nicht, aber schliesslich endet es damit, dass alle im Saal einstimmen. Erst durch das Zusammenspiel entsteht daraus etwas Gemeinsames.

Dann endet auch dieser letzte musikalische Moment. Der Applaus setzt erneut ein.


Fotos aus der gemeinsamen Vorprobe, Chöre der Gymnasien Muttenz, Liestal, Leonhard

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