Literatur im Rampenlicht

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Ein Projekt im Deutschunterricht, eine Reportage von der Verleihung des Schweizer Buchpreises 2018 im Theater Basel und eine Rezension des Siegerromans von der Klasse 4Wa (Titelfoto: David Koller)

Moderne Literatur ist zwar durchwegs im Lehrplan des Gymnasiums Muttenz zu finden, jedoch sind selbst diese dort behandelten Stücke an der Grenze zur Antike. Daher verleitete der jährliche Verleih des Schweizer Buchpreises die Klasse 4Wa unter der Leitung von Johanna Kempfert zur genauen Betrachtung der diesjährigen Kandidatinnen und Kandidaten. Namentlich wären dies Das Eidechsenkind von Vincenzo Todisco, Die Überwindung der Schwerkraft von Heinz Helle, Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt von Peter Stamm, Die Hochhausspringerin von Julia von Lucadou und Hier ist noch alles möglich von Gianna Molinari. Jede der fünf Gruppen wurde ein Buch zugeteilt, wobei die Bearbeitung jedes Buches sehr selbstständig erfolgte. Ziel war es, der Klasse die aktuellen Thematiken der Bücher zu vermitteln. Dies erfolgte in Form eines Vortrages, für den die Gruppen jeweils ein Plakat gestalteten, um den Inhalt des Buches visuell wiederzugeben.

Eine Herausforderung stellte dabei der Mangel an Informationen über die Bücher dar. Dies konnte man jedoch auch als Chance ansehen, die Werke vollkommen unvoreingenommen zu absorbieren. Daraus entstanden angeregte Diskussionen mit den Klassenkameradinnen und -kameraden. Aus manch einem bücherscheuen Mäuschen wurde eine Leseratte.

Literatur im Rampenlicht

Am regnerischen Sonntagmorgen des 11. Novembers versammeln sich Literaturfreunde, Leseratten sowie die Autoren und Autorinnen selbst zur feierlichen 11. Verleihung des Schweizer Buchpreises. Um dem feuchten Geruch des sauren Regens zu entkommen, fliehen die Gäste in das einladend gestaltete Foyer des Theaters Basel. Bereits am Eingang liegen die Bücher attraktiv angepriesen auf hölzernen Tischen. Begleitet von melodischen Klängen der Musikakademie Basel begeben sich die Besucher auf die Sitzplätze und füllen das Basler Stadttheater bis auf den letzten verfügbaren Platz aus.

Die Menge verstummt. Die Blicke richten sich auf das Podest, auf dem die Moderatorin Nina Brunner mit Willkommen heissenden Worten die Verleihung eröffnet. Durch die packenden Laudationes der Kritiker ist die Aufmerksamkeit des Publikums nun ausgeschlossen auf die Redner gerichtet. Trotz des verliehenen Preises wird fortlaufend jedes einzeln nominierte Werk hochgelobt und sehr wertgeschätzt.

Mit viel schauspielerischem Talent werden die Bücher durch ausgewählte Anfangspassagen von Cathrin Stürmer illustriert und dem Publikum somit nähergebracht.

Die Spannung steigt, als das verschlossene Couvert mit dem gekürten Gewinnernamen das Publikum den Atem anhalten lässt. Dutzende Kameras fokussieren sich nun auf die in der ersten Reihe sitzenden Schriftsteller und Schriftstellerinnen. Der Gewinner wird bekannt gegeben. Anerkennung erfüllt den Raum.

Der darauffolgende Abschiedsapéro rundet den Morgen gelungen ab.

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Und der Gewinner ist…

Der Gewinner des Schweizer Buchpreises 2018 ist Peter Stamm mit seinem Roman Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt. Peter Stamm wurde am 18. Januar 1963 geboren. Er begann viele Studiengänge, darunter Psychologie, Psychopathologie oder Wirtschaftsinformatik, schloss jedoch keinen davon ab. Auch absolvierte er viele Praktika in psychiatrischen Kliniken und arbeitete als Buchhalter und Sachbearbeiter, bevor er mit dem Schreiben begann. Zuerst schrieb er Artikel für die NZZ, den Tagesanzeiger und die satirische Zeitschrift Nebelspalter. Seit dem Erfolg seines Erstlingsromans Agnes(1998) zählt Peter Stamm zu den renommiertesten Autoren des deutschsprachigen Raums.

Stamm trotzt mit seiner einfachen Sprache dem Trend der verschachtelten Sätze anderer Autoren und Autorinnen und grenzt sich so ab. Sein Markenzeichen der schlichten Satzkonstruktionen verfehlt auch in seinem neusten Werk nicht die Wirkung und erlaubt es, in Stamms Welt einzutauchen. Seine Werke zeichnen sich ausserdem dadurch aus, dass die Grenze zwischen Realität und Fiktion verwischt wird.

Peter Stamm kreiert in seinem neusten Werk eine Welt zwischen Wirklichkeit und Traum. Virtuos verwebt er die Fäden dreier Generationen, die ein und dieselbe Lebensgeschichte haben. Durch das Treffen des autobiografischen Ichs mit der um zwanzig Jahre jüngeren Magdalena bricht der Autor die Ebenen der Zeit auf und konstruiert einen Abendspaziergang durch Stockholm in einem, so scheint es, zeitlichen Vakuum. Unverschnörkelt und prägnant skizziert Stamm ein authentisches Bild der Umgebung. Seine Liebe zu ausführlichen Beschreibungen von Details ermöglicht es, die Szene vor dem inneren Auge zu sehen und die Figuren mit der eigenen Fantasie zu verbinden. Auch in diesem Werk widmet sich Stamm intensiv der Frage nach der Existenz und der Abgrenzung zwischen Sein und Geschichte. Bereits in seinem Erstlingswerk Agnes skizzierte Stamm die Geschichte eines jungen Paares, die massgeblich vom Roman des Protagonisten beeinflusst wurde. In seinem neusten Werk überschreitet der Autor die Grenze der fiktiven Doppelgänger/innen und schafft eine doppelte, gar dreifache Existenz.

Gekonnt weckt er über 160 Seiten die Sehnsüchte und Träume des Menschen und stellt implizite, existenzielle Fragen: Was bedeutet die Existenz? Würden wir anders handeln, wenn wir nochmals am Startpunkt unseres Lebens beginnen könnten? Stamm gelingt das Meisterwerk, solch philosophische Fragen aufzuwerfen in einem Werk, das keine Handlung hat als diejenige des Werks selbst.

Am Ende der Geschichte lässt Stamm einen etwas ratlos zurück, irritiert versucht man die Geschichte fassbar zu machen. Die scheinbar wichtigste Entscheidung im Buch, die mögliche Trennung des jungen Paares, verschmilzt mit den existenziellen Fragen und endet in einer diffusen Stimmung. Doch anders als in seinem Erstlingswerk stärkt Stamm seine Protagonistin und lässt sie handeln. Die Eigeninitiative der jungen Lena schafft neue Möglichkeiten, grenzt sich vom sonst vorgeschriebenen Weg der Protagonist/innen ab und besänftigt. Stamm lotet in seinem neusten Werk die Grenzen der Existenz und der Kraft des Erzählens so tief aus, wie es nur möglich ist.

Die Plakate, welche die Klasse zu den Büchern gestaltet hat, hängen zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Beitrags im vierten Stock des Gymnasiums. Und weil wir täglich im Schulhaus an Plakaten vorbeigehen, bis sie wieder abgehängt und entsorgt werden, seien diese hier einmal für die digitale Ewigkeit festgehalten. Und der Eindruck täuscht: Der Text erscheint hier viel zu klein. Aber es sind die Originalgrössen hinterlegt, die das Hineinzoomen und Lesen ermöglichen. Repro-Fotos: Nu.