Kommunikation, Kreativität, kritisches Denken und Kooperation

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Philippe Wampfler ist ein bekannter Didaktiker und Experte für digitales Lernen. Timo Kröner und Daniel Nussbaumer haben sich mit ihm per Skype über den digitalen Unterricht und über die Chancen und Gefahren der Digitalisierung unterhalten. Textfassung des Interviews von Timo Kröner

Welche digitalen Anwendungen machen Ihnen im Unterricht am meisten Spass? Welche bringen den Schüler*innen am meisten?

Philippe Wampfler: Am meisten Spass machen mir kreative Sachen. Ich spiele auch sehr gerne Spiele mit den Schüler*innen, wenn sich das anbietet.

Was am meisten bringt, ist Software, die Verbindlichkeit herstellt. Ich setze Microsoft Teams ein. Bei diesem Programm ist klar, was man schon erreicht hat und was man erreichen will. Man kann seine Agenda und seine Notizen sehr gut strukturieren.

Welchen pädagogischen Mehrwert bringt digitales Lernen?

In meiner Wahrnehmung ist die Mehrwertsfrage in der Diskussion um digitalen Unterricht obsolet geworden. Der Leitmedienwechsel bringt eine andere Art, mit Wissen und Unterrichtsinhalten umzugehen, mit sich. Insofern macht es wenig Sinn zu fragen, was für einen Mehrwert zum Beispiel das Auto gegenüber der Pferdekutsche hat. Es ist einfach ein anderes Transportmittel, wobei allein die Infrastruktur nicht mehr gegeben ist, um mit einer Pferdekutsche von A nach B zu fahren oder um ein Ross zu wechseln.

Man kann sich auch fragen, was den enormen Aufwand rechtfertigt, den dieser Leitmedienwechsel mit sich führt. Guter Unterricht ist sowohl an die Lebenswelt der Jugendlichen wie auch an die Berufswelt angeschlossen. Man muss nicht eins zu eins Verfahren aus der Wirtschaft übernehmen, aber wir müssen als Schule zeigen können, dass das, was wir machen, relevant ist.

Viele digitale Angebote sind entwickelt worden, damit sie eine Sogwirkung auf den Nutzer ausüben. Man muss als Nutzer selbst ein Ende definieren. Wie kann man das im Schulalltag vermitteln?

Wir können nicht digital arbeiten, ohne darüber nachzudenken, was das für uns bedeutet. Dabei darf dem abhängig machenden Potenzial gegenüber nicht unkritisch sein. Man sollte aber nicht einer nostalgischen Haltung nachhängen und annehmen, dass Schule und Lernen ohne digitale Medien besser oder tiefgründiger wären. Die Frage ist viel eher, wie man in einem veränderten Umfeld Tiefe herstellen kann und wie man sich von den Vorgaben, die die Industrie durch das Design der Geräte und ihrer Oberflächen macht, lösen kann.

Wie verändert denn das digitale Zeitalter das Leseerlebnis?

Die empirische Forschung sagt, dass digitales Lesen viel weniger linear ist. Man hat Links, denen man folgt, und man hat in der Regel verschiedene Tabs geöffnet. So liest man viel sprunghafter. Wenn man nach Begriffen sucht, liest man die Texte, in denen diese Begriffe auftauchen, nur in Auszügen und gar nicht mehr als Ganzes.

Diese Veränderung muss man den Lernenden in der Schule auch erfahrbar machen. Natürlich ist es wichtig, dass man Bücher von vorne bis hinten aufmerksam liest und versteht. Aber man muss auch schnell glaubwürdige Informationen im Netz finden und sein Verhalten dazu reflektieren können: Wie wirkt das auf mich? Woran kann ich mich warum erinnern? So entwickelt man eigene Entscheidungsgrundlagen und kann für sich bestimmen, wie man in Zukunft Texte lesen will.

Die Digitalisierung an Schulen betrifft auch Lehrpersonen. Wie ändert sich der Lehrberuf und wie wird sich die Ausbildung zur Lehrperson verändern?

Die Rolle als Coach und Lernbegleiter beschreibt für die neuen Aufgaben am besten. Lehrer*innen können nicht mehr Wissensvermittler*innen sein, sondern sie gestalten wirksame Lernumgebungen. Daran muss man sich natürlich gewöhnen. In der Ausbildung müssen Lehrpersonen lernen, wie Lernen funktioniert und wie man diese Lernprozesse in unterschiedlichen medialen Umgebungen gestalten kann.

Wir erleben gerade, wie sich auch die technischen Voraussetzungen sehr schnell verändern. Im Moment wird OneNote durch Teams abgelöst, und es ist noch nicht klar, wie lange wir mit Teams arbeiten können – das können drei oder fünf Jahre sein, aber in zehn Jahren gibt es Teams nicht mehr. Das heisst, man lernt jetzt eine Umgebung kennen und muss sich darauf einstellen, dass man in der nächsten Schüler-Generation schon die nächste braucht.

Man kann nicht annehmen, dass man in der Ausbildung lernt, Medien so einzusetzen, wie man es dann das ganze Berufsleben lang machen wird. Die Methoden entwickeln sich mit der Technik und dem Unterricht. «Agile Didaktik» bedeutet genau das, dass man Methoden selber entdeckt und erprobt, und nicht einen fixen Methoden-Werkzeugkasten hat, mit dem man immer arbeitet.

Welchen Haltungen zum digitalen Wandel begegnen Sie bei Ihren Vorträgen und Kursen?

Es gibt die Haltung grosser Skepsis, die eigentlich einen Schutzschild aufbaut: So wie ich arbeite, ist es richtig, und alles andere ist oberflächlich. Das ist die kulturpessimistische Sicht, die auch verständlich ist, weil diese Leute mit Verfahren arbeiten, die sich in der Praxis jahrelang als wirksam erwiesen haben.

Dann gibt es eine gewisse Verunsicherung: Ich probiere es schon, aber jedes Mal funktioniert etwas nicht oder es funktioniert nicht so, wie ich es wollte. Trotz der grundsätzlichen Bereitschaft entsteht eine Frustration, weil man keinen festen Boden unter den Füssen spürt oder das Gefühl hat, ständig zu schwimmen.

Und dann gibt es Leute, die seit Jahren mit digitalen Bestandteilen im Unterricht arbeiten und in dieser Zeit sehr viel Methodenkompetenz erlangt haben. Sie sind so zu Expert*innen geworden, die ihr Wissen weitergeben können.

Manche Schüler glauben Ken FM oder Daniele Ganser eher als SRF oder der NZZ. Wie kann man mit ihnen in einen Dialog darüber treten?

Das ist tatsächlich nicht so einfach! Diese Gesprächs- und Denkzirkel versuchen sich gegenüber Kritik zu immunisieren. Einfache Rezepte im Fach Geschichte wären, dass man versucht, mehr lokale Themen zu besprechen: Wie wirkt sich ein bestimmtes Thema in unserem Dorf aus? Findet man in einem Archiv Quellen, die man konkret anschauen und in einen historischen Kontext stellen kann?

Ken FM und Daniele Ganser besprechen oft Themen, die wir vor Ort gar nicht mitbekommen. Bei diesen Themen – Syrienkrieg, die Kuba-Krise oder 9/11 – hat niemand direkten Zugang zu den relevanten Quellen. Daher wird mit allerhand Mutmassungen eine seltsame Art von Geschichtsschreibung betrieben.

Sollten wir programmieren lernen oder sollten wir uns in der Schule aufs Zwischenmenschliche konzentrieren, das von Computern und Robotern nicht ersetzt werden kann?

Ich glaube, es ist ein Trugschluss anzunehmen, es reiche zu wissen, wie die Programme funktionieren, ohne selbst programmieren zu können. Ich glaube, um ein Programm zu verstehen, muss man auch programmiert haben.

Grundsätzlich denke ich aber, dass der Fokus eines Gymnasiums tatsächlich in dem Bereich liegen sollte, der nicht von Maschinen ersetzt werden kann: Kommunikation, Kreativität, kritisches Denken und Kooperation. Das sind für mich die Aspekte, die im Mittelpunkt der schulischen Ausbildung stehen sollten. Wir können nichts machen, was später sowieso Computer machen.

Welche sozialen und auch ethischen Fragbestellungen müssen wir mit den Schüler*innen besprechen, damit sie in der Zukunft gut handeln können?

Solchen Fragen sind häufig so komplex, dass man Menschen aus verschiedenen Wissensbereichen zu deren Beantwortung braucht. Es braucht also zum einen interdisziplinäre Projekte und zum anderen eine gewisse Tiefe, so dass man in einem Projektunterricht einen thematischen Akzent setzen kann. Nur so merken die Schüler*innen bei Fragestellungen, die auf den ersten Blick eher technisch wirken, dass diese auch eine soziale oder eine ethische Seite haben.

Das Internet ist aber auch: Fake-News, Nonsens im Internet, Verschwörungstheorien, Informationskriege, Hass, Daten-Klau: Sollten wir das Internet nicht einfach abschalten?

Ich selbst erlebe diese negativen Aspekte nur, wenn ich mich dem bewusst aussetze. In meiner professionellen Arbeit nutze ich das Netz hauptsächlich so, dass es weder Hass hat noch Fehlinformationen hergibt. Im Gegenteil, über das Netz habe ich einen direkten Zugriff auf die gesamte Forschungsliteratur aus meinem Tätigkeitsbereich und ich kann mich mit Leuten vernetzen, die sich mit ähnlichen Themen und Problemen beschäftigen.

Letztlich stellt sich die Frage bei jeder Technologie: Ist die Auswirkung der guten Leute, die sie gebrauchen, grösser als der Vorteil, der es denjenigen Leuten bringt, die eine negative Mission haben? Man muss sich überlegen, wie man die Sachen, die uns wirklich weiterbringen, fördern kann, ohne dass man denjenigen zuarbeitet, die unserer demokratischen Gesellschaft schaden wollen.

Worauf wird es in den Bereichen Gesundheit und Sicherheit ankommen?

Ähnlich wie bei der Drogenprävention geht es darum zu merken, dass es einem im Moment nicht so gut geht. Dann kann man sich fragen, was für ein Auffangsystem man hat, damit man Rückhalt findet. Wenn Menschen merken, was ihnen guttut und was nicht, dann können sie mit den gesundheitsgefährdenden Aspekten der Digitalisierung genauso umgehen wie mit Drogen, Stress oder Konflikten. Damit hängt natürlich zusammen, dass die Schule ein gutes soziales Netz sein muss, in dem sich die Schüler*innen wohlfühlen und gute Kontakte mit verschiedenen Bezugspersonen haben können.

Die Sicherheitsfrage kann polemisch gesagt auch ein ganz grosser Verhinderungsdiskurs sein. Ich kann mit meinen Daten nichts Besseres machen als sie in eine Google-Cloud zu stellen, denn dort sind sie am sichersten – obwohl die Leute das Gefühl haben, Google sei eher eine Bedrohung als etwas, das meine Daten schützt. In dieser Hinsicht gibt es teils recht verworrene Vorstellungen. Daher muss man gut informieren und es braucht die Unterstützung von Politik und Fachleuten.