Von STRIKE! zu FAKE

Es ist Montagmorgen, der 21. Februar, mein Handy klingelt. Als ich auf das Display sehe, steht da kein anderer Name als Christoph Huldi. Überrascht nehme ich das Telefonat an und habe sofort meinen ehemaligen Musiklehrer am Apparat, welcher etwas überfordert und gestresst klingt. Es sei ein Notfall, eine Rolle ist ausgefallen, er bittet mich einzuspringen.

Von Julia Kunz (Fotos: Daniel Nussbaumer und Ida Weiss)


Eine Stunde später werde ich von der Regisseurin des Musicals, die zugleich meine ehemalige Mathematiklehrerin ist, Karolina Kowalska, zur Probe abgeholt. Als wir im Theater Roxy ankommen, herrscht dort reges Treiben und es werden die letzten Handgriffe zur Vorbereitung der Probe getroffen. Auf der Bühne singt sich der diesjährige Musicalcast bereits ein und zeigt sich überrascht, als ich dort auftauche. Schnell ist der Fokus der Darsteller*innen aber wieder bei Huldi, der ebenfalls notfallmässig für Franziska Baumgartner einspringt. Ein Krankheitsfall ist ja nicht genug, denke ich mir, und bin froh, irgendwie helfen zu können.

Nach einem kurzen Ankommen im Theater setze ich mich also mit Regisseurin Kowalska, aka Ms K, zusammen, wobei sie mir in den folgenden Minuten den Text von «Miss Fleming», einer Lehrerin, die im Stück vorkommt, zeigt. Da ich den Musicalkurs ein halbes Jahr lang bei den Proben begleitet habe, weiss ich ungefähr, was mich erwartet. Trotzdem wird mir sehr schnell klar, dass ich Saskia Clauwaert, die eigentliche Miss Fleming, nur schwer in ihrer gesamten Ausstrahlung ersetzen kann. Mit dem Gospelsolo der Rolle ist meine Aufgabe schliesslich komplett. Jetzt gilt es, in den nächsten zwei Tagen alles wie ein Schwamm einzusaugen, um bei den Proben nicht den Überblick zu verlieren.

Besonders viel Zeit investiere ich in das gezielte Auswendiglernen meines Textes. Obwohl ich mit dem Notenständer auf die Bühne darf, ist es doch wichtig, den Text so gut wie möglich zu verinnerlichen, um den Fluss des Vortragens und die Echtheit der Dialoge nicht zu gefährden. Die Schauspieler*innen, die gerade Pause haben, werden von Ms K auf mich angesetzt. Bereitwillig fangen sie an, mir diese Zeilen in meine Hirnrinde zu brennen und mit ihrem eigenen Text mit mir zu interagieren. Nach ein paar Minuten funktioniert die erste Szene und es wird zur nächsten gewechselt, wobei wir immer mal wieder zur vorherigen springen, damit ich mich der Spontaneität aussetzen kann. Zu einem korrekten Einsatz gehören aber nicht nur die richtigen Wörter zur richtigen Zeit, sondern auch das Auf- und Abtreten im richtigen Moment. Ich versuche mir folglich Schlüsselszenen zu merken, die meine Bewegungen auf der Bühne einleiten. Als wir alle Szenen abgearbeitet haben, atme ich erleichtert auf.

Mit Christoph Huldi studiere ich das Solo ein und lerne, mich explizit auf seine Dirigierbewegungen zu achten. Dass zu einer solch spontanen Aktion viel Vertrauen gehört, merke ich vor allem an der Tatsache, dass einige sogenannte «Vamps» in der Musik vorkommen. Vamps sind Bereiche im Song, bestehend aus mehreren Takten, die beliebig oft wiederholt werden können. So kommen diese Takte vor allem an Orten vor, an denen Sänger*innen Text zwischen zwei gesungenen Teilen haben, um das Vorgetragene im Tempo zu unterstreichen und die Zählzeit nicht zu verlieren. Nach einem Text zeigen jeweils die Dirigent*innen das Fortfahren an, damit sich alle Musizierenden einig dem nächsten Abschnitt zuwenden können.

Beim ersten Betreten der Bühne spielen sich in meinem Kopf sofort Flashbacks ein: Ich hatte ungefähr acht Monate zuvor nämlich selbst als Teil des Musicals «Strike!», einer Adaption des Musical «Newsies», die Intensivwoche durchlebt und mehr oder weniger im Theater gewohnt. In den Gesichtern der Crew spiegelt sich genau dieser Eindruck wider. Als das Warmup beendet ist, kündet mich Huldi als Ersatz an und sagt anschliessend einige Worte zum Verlauf der Probe. Da ich an Krücken gehe, teilt er mir Jan Soder als meinen persönlichen Assistenten zu. Sowohl Jan als auch alle anderen bemühen sich in den kommenden Tagen sehr, mir so viel Stress wie möglich zu nehmen, damit ich mich auf den Ablauf der Szenen konzentrieren kann. Der Zusammenhalt der Gruppe ist riesig und ich werde umgehend in das Geschehen miteinbezogen. Mit dem Skript und dem Klavierauszug auf einem Notenständer richte ich mich backstage ein und verfolge den Text Schritt für Schritt, um ja nicht meine Einsätze zu verpassen. Nach einer Weile klebe ich nicht mehr an den einzelnen Sätzen und kann mich zwischendurch etwas entspannen, die Show geniessen und die Musik mitfühlen.

Nach jenen beiden Tagen folgt die Generalprobe. Das Stylingteam wagt seine ersten Versuche, unsere Gesichter und unsere Haare bühnenreif zu zaubern, damit das Publikum bis in die letzte Reihe bedient ist. Da diese himmlischen Verwandlungen einige Treppenstufen weiter oben stattfinden und ich auf Grund der Krücken Mühe mit den schmalen Tritten habe, trägt mich abwechslungsweise jemand rauf und wieder runter. Im Styling verbringe ich durchschnittlich eine Dreiviertelstunde, in der ich auch Zeit zum Essen und Rekapitulieren habe. Danach werden uns von Lukas Schweizer, dem Bühnentechniker, die Headsets montiert, kontrolliert und getestet, und schwups sind alle bereit für die Fokusrunde. Nach einem letzten «Miteinander-Warm-Werden» gehen um 20:00 die Lichter aus. Die Scheinwerfer treffen Josephine Odermatt als Veronica Sawyer im ersten Akt, welche das Musical eröffnet. Die Show beginnt und die Nervosität macht sich bei den Letzten jetzt ebenfalls bemerkbar. Obwohl ich zu diesem Zeitpunkt erst zwei volle Tage mit dem Team zusammenarbeite, bin ich mir sicher, dass ich mich voller Vertrauen zur Crew in die Show stürzen und die Zeit auf der Bühne auskosten kann.