Monika Schmutz Kirgöz leitet im Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten die Abteilung, die für den Mittleren Osten und Nordafrika verantwortlich ist. Vor 38 Jahren hat sie am Gymnasium Muttenz die Matura gemacht. Am Donnerstagabend (20.8.2026) war sie zu Gast beim Jahrestreffen des Ehemaligenvereins und wurde im Foyer von Daniel Nussbaumer interviewt, vor etwa 40 Ehemaligen und der Klasse 3AB.
Von Sulamith Richter (Fotos: Matthias Götzo), Klasse 3AB
Um 18:40 Uhr ist das Foyer dunkel. Ich mache einen Schritt nach vorne. Mit einem Klicken erhellt das Licht den Raum: 64 Stühle sind in drei Reihen im Halbkreis um ein Podest angeordnet. Auf dem Podest stehen zwei weitere Stühle. In etwa einer halben Stunde wird hier eine Frau sitzen, deren Abteilung im Aussendepartement für den ganzen Bereich „Middle East and North Africa“ verantwortlich ist. Der Eingangsbereich hinter mir stand vor 38 Jahren unter Wasser. Es schwammen Forellen darin.
Um 18:55 Uhr kommt Monika Schmutz Kirgöz die Treppe zum Schulhaus hinauf. Daniel Nussbaumer, der sie an diesem Abend interviewen wird, gibt ihr die Hand. Sie wird mir und drei Klassenkameradinnen, Lenia, Rayén und Jana, vorgestellt. Sie lächelt herzlich. Dann erklärt sie, sie müsse kurz die Hände waschen, sie sei mit dem Zug gekommen. Dabei verzieht sie das Gesicht und schüttelt die Hände aus. Das Lächeln weicht keine Sekunde von ihrem Gesicht.
„Denn muess er halt dört sitze!“

Um 19:06 Uhr soll sie verkabelt werden. Lenia, Rayén und Jana bieten ihr den linken Stuhl an, da dort das Kabelmikrofon für sie liegt. Sie blickt jedoch zum rechten, wo das Handmikrofon für Nussbaumer liegt. Die drei sagen etwas, was ich nicht höre. „Denn mues er halt dört sitze“, sagt sie und lacht. Dann legt sie das Handmikrofon auf den linken Stuhl und setzt sich auf den rechten. Ich wechsle mit dem Laptop schnell die Seite, um sie besser sehen zu können. Auf dem Tisch stehen zwei Weingläser, in die Nussbaumer Sprudelwasser gegossen hat. Der Raum ist laut. Zwischen den Reihen weht ein Parfüm herüber: Vanille und Rose. Der Duft kommt und geht. Kurz nach 19:15 Uhr begrüsst Nussbaumer sie als „Ihre Exzellenz“, was die förmliche Anrede für eine Botschafterin ist. Das Du hatte sie ihm zwei Minuten davor angeboten. Sie lacht als Erste. Als ihr Mikrofon anspringt, ist sie kurz überrascht von der eigenen Lautstärke und justiert es kurz. Dann schlägt sie die Beine übereinander. Sie wird den ganzen Abend so sitzen.
„Aber die Antwort hat gesessen.“

Sie war kürzlich in Syrien. Wie es dem Land eineinhalb Jahre nach dem Sturz Assads gehe, will Nussbaumer wissen. Sie beginnt nicht mit Syrien, sondern damit, wie happy sie sei, hier zu sein, in ihrem Gymnasium. Und dass sie frühere Lehrpersonen im Raum sehe, die sie geprägt hätten. Darüber werde man später noch reden. Dann erzählt sie von Doha. Dort hat sie im Dezember Ahmed al-Scharaa getroffen, den Übergangspräsidenten Syriens. Einen Mann, der früher in seiner Laufbahn dem IS und der Al-Kaida nahestand, vor Kurzem noch in Kampfkleidung unterwegs war und heute in Hermès-Krawatte und Patek-Philippe-Uhr auftritt. Die CNN-Journalistin Christiane Amanpour habe ihn sehr provokativ interviewt und implizit als Terroristen bezeichnet. Er habe ruhig geantwortet, die Hände zur Raute gefaltet wie Angela Merkel. Er habe gesagt, dass es darauf ankomme, was man als Terrorist bezeichne. Er habe zwar Menschen getötet, jedoch nie Frauen oder Kinder. In dieser Weltgegend gebe es jedoch durchaus solche, die systematisch Frauen, Kinder und unschuldige Zivilbevölkerung massakrieren. Zur Frage der Journalistin meint sie: „Das hätte ich mich nicht getraut als Schweizerin. Aber die Antwort hat gesessen.“ Sie redet fliessend und gestikuliert viel. Als sie erwähnt, dass die vielen geschenkten Uhren des Präsidenten immerhin gut für die Schweizer Uhrenindustrie seien, geht ein Lachen durch die Reihen. In der letzten Reihe hält jemand kurz das Handy hoch.
„Ich habe nichts verstanden.“
Nussbaumer erwähnt, dass ihr ehemaliger Geschichtslehrer im Raum sitzt. Ihr Lächeln wird deutlich grösser. „Ja genau“, sagt sie leise lachend. „Der uns den Bürgerkrieg im Libanon erklärt hat.“ Wochenlang sei das ihr Thema gewesen. Sie habe sich immer eingebildet, sie sei nicht so langsam im Verstehen. „Ich habe nichts verstanden.“ Gelächter. „Ich habe nichts verstanden. Und irgendwann wählt mich der Bundesrat zur Botschafterin im Libanon und du bist die erste Person, an die ich gedacht habe.“ Blick zum Geschichtslehrer, dann wieder ins Publikum. „Es war der beste Geschichtslehrer, den man sich hätte vorstellen können, aber ich habe es nicht verstanden.“ Vier Jahre habe sie dann im Libanon Zeit gehabt, die komplexe und blutige Vergangenheit des Landes zu analysieren. Wer meine, er habe den Libanon verstanden, dem sei er schlecht erklärt worden; würden selbst Libanes:innen stolz sagen.
Robert Labhardt unterrichtete von 1979 bis zu seiner Pensionierung 2010 in Muttenz Deutsch und Geschichte. Er hat mehrere Bücher zur Basler Geschichte veröffentlicht und ist Präsident des Vereins Basler Geschichte. Die Erinnerung der Diplomatin an ihn habe Labhardt „etwas lustig, zwiespältig getroffen“, schreibt er drei Tage später. „Der beste Geschichtslehrer“, aber sie habe nichts verstanden. Wie sie als Schülerin genau gewesen sei, wisse er nicht mehr. „Aber sie war damals schon durchaus präsent, nicht versteckt.“ Damals habe der Libanonkonflikt das aussenpolitische Geschehen dominiert, erinnert er sich: die israelische Belagerung Beiruts, der Abzug des Palästinenserführers Jassir Arafat unter internationalem Druck. Das habe die interessierte Öffentlichkeit in Atem gehalten und deshalb auch Eingang in seinen Geschichtsunterricht gefunden. Es berühre einen als Lehrer, dass man mit gewissen Momenten über Jahre hinweg weiterwirke. In 30 Jahren am Gymnasium Muttenz habe es nur eine Handvoll Kontakte gegeben, die über die Schulzeit hinaus angehalten hätten. „Aber man erfährt ja als Lehrperson sehr vieles nicht, was einen eigentlich etwas anginge.“ Überraschend war für ihn an diesem Abend etwas anderes, nämlich dass Monika Schmutz Kirgöz sich schon in der Zeit am Gymnasium für die Diplomatie entschieden hatte. Das habe er nicht gewusst. In die Maturzeitung durfte damals jeder und jede hineinschreiben, was einmal aus ihnen werden sollte. Sie schrieb: Diplomatin.
„Weil sie überzeugt waren, am Montag diskutieren wir weiter.“

Sie ist selbst im Iran gewesen, für politische Konsultationen. Ein spannendes und eindrückliches Land. Aber wer ausreisen wolle, bekomme es mit den Revolutionsgarden zu tun, die am Flughafen dafür sorgten, dass man mal wieder so richtig Angst habe. Im Land herrsche eine Kontrolle, vergleichbar mit der unter Assad in Syrien. „Wenn man dort ist, hat man manchmal das Gefühl, man könne gar nicht richtig atmen.“
Die Schweiz vertritt seit 1980 die Interessen der USA im Iran, also seit 46 Jahren. Wenn Washington eine Nachricht nach Teheran schicken will, läuft das über Bern. In Genf gab es sogar direkte Gespräche. Geleitet habe sie aber der omanische Aussenminister. Am 27. Februar, einem Freitag, hätten beide Seiten gesagt, sie seien noch nie so weit gekommen. Sie verabredeten sich für Montag in Wien, wo die Atomenergiebehörde ist, um auf technischer Ebene weiterzuverhandeln. Am Samstagmorgen griffen Israel und die USA an. „Wieso konnten sie so viele hochrangige Politiker umbringen? Weil sie alle am gleichen Ort waren. Wieso waren die Iraner alle am gleichen Ort? Weil sie überzeugt waren, am Montag diskutieren wir weiter.“ Der heutige Supreme Leader des Iran ist der Sohn des Getöteten. Bei dem Angriff verlor er seine Mutter, seinen Vater, seine Frau und drei seiner Kinder. „Wie kann man vor diesem Hintergrund erwarten, dass er kein Hardliner sei?“, fragt sie in den Raum. „Das ist eine Frage, die ich so zurückwerfe.“
Drei Mitschüler, Luca, Jonathan und Frederik, dürfen Fragen stellen. Sie haben im letzten Schuljahr in einem interdisziplinären Projekt untersucht, wie Obama und wie Trump gegenüber dem Iran gehandelt haben. Auf die Frage von Jonathan zu Trumps Strategie antwortet sie zuerst, dass man nicht von einer Strategie reden könne. „Ich sehe keine.“ Das sei nicht belustigend, sondern habe Auswirkungen für die Welt. Man greife an, dann greife man ein bisschen mehr an, dann mache man einen Waffenstillstand, der nicht halte. „Jeden Tag gibt es eine Überraschung.“ Dann zählt sie auf, dass die Strasse von Hormus zu ist. Dass es keine Düngemittel mehr für Afrika und Indien gibt. Dass es Hungersnöte geben wird. Man wisse das alles, und man wisse es schon seit fünf Monaten. „Es passiert nichts. Es passiert zu wenig.“ Es liege nicht nur am Mieter im Weissen Haus. Es liege auch daran, dass wir alle zu langsam seien. „Wir sind alle in einer Paralyse.“ Ihre Stimme wird lauter, wieder leiser, den letzten Satz dieses Blocks sagt sie leise: „Darum… welche Strategie? Schwierig… “ In den Reihen nicken einige. Es ist inzwischen wärmer geworden im Foyer, trotz des offenen Fensters.
„I’m quoting.“

Mitten in dem Block der Schülerfragen fragt sie ins Publikum, ob jemand „The Deal“ gesehen habe, die Serie über die Genfer Atomverhandlungen. In der zweiten Reihe streckt ein älterer Herr auf, ihr ehemaliger Klassenlehrer. „So gut, oder?“, ruft sie und das Publikum lacht. Sie kommt zurück auf Trump : „I make so many peace so many peace so many peace.“ Der Oman nerve ihn mit seiner Mediation und den Bemühungen, die Strasse von Hormus aufzubekommen.
„I bomb the shit out of them.“ Leises Lachen. Eine neue Weltunordnung und eine neue Art, Politik zu machen. „Sorry“, schiebt sie nach. „I’m quoting. So geht es den ganzen Abend. Sie spricht über Krieg, zerbrochene Verhandlungen und über eine Ordnung, die wankt. Und alle zehn Minuten grinst oder lacht der Raum.
„20 Männer“
Nussbaumer setzt an: „Wenn ich beim EDA auf die Homepage gehe, sehe ich als Erstes… “ – „20 Männer!“, sagt sie. Lautes Gelächter. Auf derselben Seite wird auch die Neutralitätsinitiative abgelehnt. Inwiefern der Zwang zur Neutralität ihre Vermittlungsarbeit torpedieren würde, will Nussbaumer wissen. Im Nahen Osten wären die Folgen klein, da die Schweiz auch mit dieser Initiative die UNO-Sanktionen übernehmen müsste. Das Problem sei eher Europa. Die Initiative würde der Schweiz beispielsweise verbieten, die EU-Sanktionen gegen Russland zu implementieren. Dann liefe alles, was die EU verhindern will, über die Schweiz. „Wir werden dann eine Umgehungsplattform.“
Später kommt sie auf die Männer zurück. Nussbaumer fragt nach dem Frauenhaus, das auf ihre Initiative hin entstand, danach, was sie für Frauen in schwierigen Gebieten machen könne. Sie nimmt die Frage auf und dreht sie um: „Vor allem bei uns bin ich derzeit aktiv. Da gibt es noch viel zu tun.“ Sie sei bis heute Mentorin vieler Jungdiplomatinnen und gebe zahleiche Vorträge zu Frauenthemen. Sie sei immer wieder erstaunt, wie gross die Unsicherheit mancher junger Frauen auch heute noch sei. Sie spricht von einem Backlash. Die Männer seien wieder etwas selbstbewusster, sie sagten wieder etwas mehr unangebrachte Dinge. An der Botschafter:innenkonferenz habe sie Aussagen aufgeschnappt: ob Männer überhaupt noch Karriere machen könnten, jetzt, wo nur noch all die Frauen gefördert würden. Viele Parlamentarier in der Schweiz erlebt sie als eher wertekonservativ. Während sie das erzählt, knetet sie die Hände. Die Mundwinkel gehen kurz nach unten. Der Frauenanteil unter den Schweizer Botschafterinnen und Botschaftern liegt bei 25 Prozent. Es sei immer noch nicht einfach und es werde nie einfacher, sagt sie. Man müsse hartnäckig bleiben. „Und man braucht sehr viel Humor, um sich durchzusetzen.“ Geärgert habe sie sich trotzdem oft.
„Aber ich glaube, schlussendlich braucht man eine dicke Haut, Teflon und eine gute Prise Humor.“
„Man hat gelernt zu schwimmen.“
Ob es Anekdoten aus ihrer Gymnasialzeit gebe, an die sie gern zurückdenke, fragt Nussbaumer. Vielleicht wenn sie das Foyer sehe, oder den Eingang. Sie grinst. Sie wisse nicht, was die Lehrer damals gedacht hätten, als sie den Eingang in ein ganz grosses Fischbecken umfunktioniert hätten. Mit Forellen darin. Das habe eigentlich niemand lässig gefunden. „Aber ich fand, das war ein ganz guter Maturstreich – und de Rektor isch fuchstüfelswild gsi.“ Nach einem kurzen Gespräch über die Schulzeit greift Nussbaumer das Fischbecken wieder auf: in diesem Teich schwammen nicht nur Forellen, sondern auch Haifische und alle anderen Sorten. Aber man habe gelernt zu schwimmen. „Ja“, sagt sie, „man hat gelernt zu schwimmen.“ Es ist 19:55 Uhr. Die drei, die Fragen stellen durften, verlassen leise den Raum, um den Grill vorzubereiten.
„Back to the roots“
24 Jahre am Stück war sie im Ausland gewesen. Dann war sie in ihrer ersten parlamentarischen Kommission. Ein sehr guter Realitätscheck.
2015 hat Nussbaumer sie schon einmal interviewt, nach ihrer Maturrede. Damals war sie Generalkonsulin in Istanbul. Auf die Frage, wohin es als Nächstes gehe, antwortete sie damals: „Mein Traumposten wäre die Tätigkeit als Botschafterin in Teheran.“ Damals fand sie es wunderbar, keine Ahnung zu haben, wo sie im nächsten Sommer leben werde. Zehn Jahre später sitzt dieselbe Frau in diesem Foyer und sagt, sie sei gerade auf der Rotation, um nächstes Jahr ihren letzten Posten anzutreten. Sie habe Bundesrat Cassis gebeten, nicht mehr in einen fragilen Kontext gesandt zu werden.“ Sie wolle nicht in den Nahen Osten. Sie wolle gern in Europa bleiben. Je älter man werde, desto mehr bedeuteten einem die Wurzeln. „Back to the roots.“
Der Applaus hält an, bis sie entkabelt ist. Ein Kabel klemmt, Rayén geht nach vorne und hilft ihr. Sie nimmt den letzten Schluck aus ihrem Glas und steht auf. Im Foyer wird es sofort wieder laut. Draussen frage ich sie, ob ich noch etwas fragen dürfe. Sie macht eine Handbewegung, lächelt und sagt: „Natürlich!“ Ja, es sei wirklich der ganze Eingangsbereich gewesen, mit Wasser gefüllt, mit Fischen darin. Sie grinst, während sie es erzählt. Ein Mann bringt ihr ein Glas Weisswein. „Jojo, das isch scho gnueg“, sagt sie. Sie stossen an. Es dämmert. Der Himmel ist bewölkt, aber noch nicht dunkel. Auf der Terrasse stehen Menschen in Grüppchen, Getränke in der Hand. Als ich das Areal verlasse, riecht es nach Kalbsbratwurst. Jemand kommt mir mit einem Teller entgegen. Ich drehe mich noch einmal um. Im Gymnasium brennt Licht.
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