Elektronische Klangwelten

Der Basler Musiker und Komponist Thomas Kessler stellt in einer Mittagsveranstaltung seine Arbeit vor. Die Schüler erleben eine spannende Zeitreise von seinem ersten Synthesizer bis zu Slam-Poetry-Symphonien.

von Timo Kröner

„Neue Musik“ ist ein breit angelegter Sammelbegriff für einen Teil der modernen klassischen Musik im 20. Jahrhundert. Dieser Bewegung ging es vor allem darum, die Linearität und die Harmonien der klassischen Musik aufzubrechen, um so zu neuen Ausdrucksformen zu gelangen. Wie sich das konkret anhört, kann man zum Beispiel an den Tagen für Neue Musik in Rümlingen (BL) anhören. An dem weltbekannten Festival hat übrigens 2007 eine M-Klasse des Gymnasiums Muttenz unter Leitung von Christoph Huldi eine Uraufführung von Edu Haubensak gespielt.

Die Neue Musik hat und hatte aber auch Schnittstellen mit der populären Musik, dem Pop. In eine solche Schnittstellenzeit, die späten 60er-Jahre, fallen Thomas Kesslers Anfänge als Musiker. Seine ersten Kontakte mit Synthesizern begeistern ihn so sehr, dass er sich ein solches Gerät beschafft und sein eigenes Studio in Berlin gründet, das „Electronic-Beat-Studio“. In diesem Studio und mit den Synthesizern darin führt er die (später weltbekannte Krautrock-) Band Tangerine Dream an elektronische Musik heran.

Schon 1951 war in Köln im Auftrag des Nordwestdeutschen Rundfunks das „Studio für elektronische Musik“ gegründet worden, das als erstes Studio weltweit elektronisch gestaltete – wohlgemerkt analoge, also nicht in Zahlen umgewandelte digitale – Klangwelten erforschte und hervorbrachte. Dieser Aufgabe widmete sich auch Thomas Kessler, zuerst in Berlin, bis er dann 1987 das „Elektronische Studio Basel“ gründete und fortan leitete. Doch während Tangerine Dream den Weg der populären Musik gingen, konnte Kessler dank seiner Lehrtätigkeit an der Basler Musikakademie avantgardistische Neue Musik machen.

Drei solcher Kompositionen stellte Thomas Kessler in Muttenz vor. In einer ersten wird ein Stück auf einen Flügel gespielt, der an einen Synthi angeschlossen ist. Dadurch wird jeder Ton, der angeschlagen wird, in Frequenz, Dauer oder Klangfarbe verändert. Gleichzeitig kann der Pianist mit einem Pedal den Klang modulieren. Idee dieses Stückes war es, dass der „Synthi immer mehr die Kontrolle über den Komponisten und den Pianisten übernimmt.“ In der zweiten Hälfte kommt es durch die immer grösseren Manipulationen und Veränderungen zu einem explosionsartigen „Point of no return“, nach welchem der Pianist nicht mehr zur Anfangseinstellung zurückkehren kann. Er betritt praktisch musikalisches Neuland, in welchem er durch andere Spielweise wieder die Kontrolle zurückgewinnt.

In einer weiteren Komposition spielt Thomas Kessler mit Samples, also vorweg gespeicherten Klangsequenzen, die durch eine bestimmte Tonhöhe abgerufen werden. Diese Samples wurden auf Laptops gespeichert. Jedes einzelne traditionelle Orchesterinstrument im 71-köpfigen Orchester ist mit einem individuellen live-elektronischen Setup (Mikrophon, Fusspedal, Laptop und eigenem Programm) verbunden und bildet damit eine autonome Einheit mit eigenem Lautsprecher. Das Stück trägt den Titel „Utopia“. Das kann eine ganz konkrete Bedeutung haben: Einen Nicht-Ort (ou-topos) nehmen die Musiker ein, denn sie sind im ganzen Raum verteilt (wie bei der Aufführung in Weimar) – und nicht, wie gewohnt, auf einer Bühne oder in einem Orchestergraben.

Eine neuere, grosse Produktion war die Kooperation mit einem amerikanischen Slam-Poeten. Zusammen mit Saul Williams hat Kessler dessen Text „Said the Shotgun to the Head“ vertont. Diese Poetry-Oper, bei der neben einem klassischen Orchester ein Rapensemble aus Basel um Black Tiger Saul Williams als Erzähler unterstützte, machte den poetischen wie politischen Text Williams musikalisch wie lautlich lebendig. Am Schluss gibt Thomas Kessler unseren Schülern einen für die heutige Zeit weisen Rat: „Hören Sie nicht jeden Quatsch, der Ihnen vorgesetzt wird – bilden Sie sich Ihren eigenen Geschmack!“