Im Netz gibt es keine Privatsphäre

von Timo Kröner

Im Oktober des vergangenen Jahres hat Uwe Buermann im Auftrag der Gesundheitsgruppe ::ZOOM:: einen Vortrag über den Umgang mit neuen Medien gehalten. Darin hat er vor allem über das Posten von Daten und Bildern im Internet und auf Social Media-Plattformen gesprochen – und eindringlich vor einer leichtfertigen Preisgabe persönlicher Informationen gewarnt. Er fordert in seinen Vorträgen und Publikationen sowie auch im Interview mit dem „Entfalter“ einen bewussten Umgang mit Daten und Informationen und die kritische Beachtung von Persönlichkeitsrechten im Netz. Seine persönliche Position zu diesen Themen ist nicht deckungsgleich mit derjenigen unserer Schule.

Welche (ICT-)Ausstattung braucht eine Schule, damit Schülerinnen und Schüler sinnvoll lernen können?

Die ICT-Ausstattung einer Schule kann relativ bescheiden sein. Zwar sollten das Internet und die digitalen Medien in jedem Fall thematisiert werden, aber für deren Nutzung reichen mobile Beamer und internetfähige Laptops. Diese können bei Bedarf eingesetzt werden, um einzelne Beispiele zu demonstrieren. Lediglich für das Fach Computeranwendungen sollte ein gut ausgestatteter Computerraum vorhanden sein oder bei Raummangel ein Klassensatz von Laptops.

Welche pädagogischen Chancen und Gefahren von ICT an Schule sehen Sie und wie sollen wir damit umgehen?

Eine grosse Gefahr liegt sicher darin, dass man sich in den vielen angebotenen Anwendungen verlieren kann. In der Schule sollte man den kritisch konstruktiven Blick auf die Medienwelt trainieren, zum Beispiel durch den konkreten Vergleich. Lehrpersonen können im Unterricht die Ergebnisse einer Internetrecherche mit einer Literaturrecherche vergleichen lassen und anhand dieser kritisch überlegen, welcher Vor- und Nachteile jede der beiden Formen hat.

Wie kann man Medienkompetenz im normalen Fachunterricht sinnvoll schulen, etwa in einem naturwissenschaftlichen oder in einem Sprachfach? Und was müssen Lehrpersonen können, um diese Medienkompetenz im Unterricht vermitteln zu können?

Ideal ist es natürlich, wenn Lehrpersonen grundsätzlich Interesse am Thema Internet entwickeln. Dann werden Sie schnell auch Punkte finden, an denen sie digitale Medien in den Unterricht einbauen können. In der Biologie kann über die Wirkung der Medien auf die Hirnentwicklung, das Auge oder den Stoffwechsel gesprochen werden. Im Unterricht eingesetzte Lehrfilme können nicht nur inhaltlich nachbesprochen, sondern auch in ihrer Machart analysiert werden. Im Sprachunterricht bietet es sich an, Aufsatzthemen zu medienrelevanten Aspekten zu stellen: Was bedeutet Freundschaft bei Facebook? Schreiben Sie aus der Sicht eines Mobbingopfers – Täters.

Wie verändert ICT das soziale Zusammenleben der Jugendlichen. Und was muss man an der Schule dabei beachten?

Das ist ein sehr komplexes Thema. Eine aktuelle Wirkung des ständigen Blicks auf die Displays der iPhones ist die Gefährdung der realen „Face to face“-Auseinandersetzung und damit der Sozialkompetenz und der Konfliktfähigkeit. Hier sollte die Schule frühzeitig Fähigkeiten trainieren und kultivieren. Durch Gartenbau, Sportanlässe, Klassengespräche, Konfliktschlichter – und ganz wichtig durch medienfreie Räume kultivierter Langeweile (handyfreie Schule, Klassenfahrten).

Wie sollen wir mit Mobbing in sozialen Netzwerken umgehen?

Mobbing-Situationen sollte man so früh wie möglich aus der Virtualität holen und im Klassenverband thematisieren und besprechen. Zur Not kann man tatsächlich auch mit juristischen Schritten vorgehen und bei schweren Fällen wirklich auch Anzeige erstatten. In manchen Fällen kann man nur so erlebbar machen, dass es sich bei Cyber-Mobbing nicht um Jugendblödsinn handelt.

Die SuS betreiben Klassenchats über Whatsapp und Facebook, Austausch von Hausaufgaben, Materialien aus dem Unterricht. Wie sollen wir damit umgehen?

Wir müssen den Schülerinnen und Schülern immer wieder klarmachen, dass es im Netz keine Privatsphäre gibt und sie demnach genau überlegen müssen, was sie auf diesem Wege kommunizieren und weiterleiten dürfen. Hierzu kann es von Zeit zu Zeit helfen im Klassenverband mit Suchmaschinen wie http://www.123people.ch nachzuschauen, was über jeden Einzelnen gefunden werden kann.

Was bedeutet es für eine Schulkultur, wenn der Grossteil der Kommunikation, das Erfassen von Noten und Absenzen, das Bereitstellen von Kurslisten über neue ICT läuft?

In diesem Umfang bedeutet das eine Gefährdung oder Verletzung der Privatsphäre der Mitarbeitenden und der Schülerinnen und Schüler. Wenn wir jetzt alle wissen, dass E-Mails grundsätzlich mitgelesen und ausgewertet werden, muss uns allen klar werden, dass gewisse Dinge nicht auf elektronischem Wege kommuniziert werden können, ohne dass sie damit für Unbefugte zugänglich werden. Das betrifft zum Beispiel Noten, Absenzen und andere personenbezogene Daten. Konferenzprotokolle sollten nur mit geschwärzten Namen per E-Mail versendet werden. Hier müssen wir alle aufgrund der aktuellen Entwicklungen wirklich umlernen.

Wie soll die Schule mit der Anbindung an gewisse Unternehmen umgehen, also an Hardware- und Softwarefirmen?

So frei und unabhängig wie möglich: Das heisst vor allem auch im Hinblick auf die Vorbildfunktion gegenüber den Schülerinnen und Schülern, dass man abwägen sollte, ob es nicht Sinn macht, im schulischen Kontext Open-Source-Software wie Linux oder OpenOffice zu nutzen. Kostenlose Angebote der Industrie sollten immer genau geprüft werden, da hier oft versteckte Folgekosten durch langfristige Serviceverträge entstehen. Bezüglich der Hardware kann man noch betonen, dass es uns ja nicht darum gehen kann und soll, Informatiker auszubilden. Es gibt keine Notwendigkeit, für den Unterrichtsalltag, die neueste Hardware zu besitzen. Man kann beispielsweise schauen, inwieweit nicht auch über die Eltern oder bei ortsansässigen Banken, Versicherungen oder Unternehmen ältere Modelle als kostenlose Spende zu bekommen sind.

Uwe Buermann, geb. 1968, wohnhaft in Neuwied. Pädagogisch-therapeutischer Medienberater an der Freien Waldorfschule Westpfalz, Mitbegründer und wissenschaftlicher Mitarbeiter bei IPSUM (Institut für Pädagogik, Sinnes- und Medienökologie) mit Hauptsitz in Stuttgart. Freier Vortragsredner und Dozent, Autor zahlreicher Fachartikel und Bücher. Website: http://www.erziehung-zur-medienkompetenz.de