„Ich schaue vor unsere Haustüre“

Unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen zu helfen, ist eine Herausforderung, der sich Julia Neufeld nicht nur bei ihrer Fachmaturitätsarbeit gestellt hat.

FMS konkret von Jan Pagotto, Leiter FMS (Foto: Nu)

Wenn ich in den Medien sehe, was momentan in Europa abgeht, will ich nicht nur zuschauen“, erzählt Julia Neufeld, die sich derzeit im P1-Kurs auf die Fachmatur Pädagogik vorbereitet. „Sich auf die Flucht zu begeben, ist zwar eine freiwillige Entscheidung, jedoch kann man sich die Umstände und Auslöser kaum vorstellen, die Familien dazu bewegen, gemeinsam die Heimat zu verlassen oder „nur“ die Kinder in ein erhofft besseres Leben zu schicken. Wie verzweifelt muss man sein, um so viel Risiko auf sich zu nehmen, in Schlauchbooten übers Mittelmeer zu kommen? Und wenn die Flüchtlinge dann hier sind, möchte ich wenigstens ein klein wenig dazu beitragen, dass sie sich willkommen fühlen. Jeder Mensch braucht Freunde oder Helfer.“

Auf die besondere Situation dieser Flüchtlinge war Julia durch einen jungen Asylsuchenden gestossen, mit dem ihre Familie befreundet ist. Sie begann zu helfen, „bei für uns normalen Kleinigkeiten, wie Post und Dokumente erklären, bei den Hausaufgaben, beim Zerschneiden einer Pizza, beim Telefonieren, bis hin zur Wohnungssuche oder zum Kleidersammeln.“ Auch gemeinsames Essen und Sport bieten eine willkommene Ablenkung.

Für Julia ein Geben und Nehmen: „Mir selbst zeigt es jedes Mal wieder auf, wie privilegiert ich lebe. Ich bin behütet aufgewachsen, durfte immer in die Schule gehen und kann sogar frei entscheiden, was ich heute anziehe, esse und in meiner Freizeit machen will. Ich lerne viel von anderen Kulturen, erlebe Dankbarkeit, Zufriedenheit in einfachen und manchmal schwierigen Umständen. Diese Erfahrung hat meine Sichtweise von Ungerechtigkeit in der Welt verändert. Ich denke, dass jeder Mensch einen Beitrag leisten kann, dass sich in unserer Welt etwas verändert.“

Beim Stichwort „Flüchtlingswelle“ kommen ihr nicht nur der Nahe Osten oder Griechenland in den Sinn: „Ich schaue vor unsere Haustüre. Die Thematik begegnet uns in unserem Alltag. Verglichen mit den riesigen Zahlen zum Beispiel in Deutschland finde ich, dass es hier absolut geregelt zugeht. Manchmal frage ich mich, wieso manche schon meinen, die Aufnahmekapazitäten der Schweiz seien längst erreicht.“

Ob Julia ihr Engagement beruflich weiterführen will?Jeder zukünftige Lehrer wird sich mit diesem Thema beschäftigen. Ich überlege, in einer Integrationsklasse in Basel zu unterrichten. Dort werden fremdsprachige Schülerinnen und Schüler im Alter von 16-20 Jahren aufgenommen, die für zwei Jahre in die Schule gehen, mit dem Ziel, eine Lehre oder Praktikum zu finden. Im Rahmen meiner FMA habe ich dort einen Morgen lang gearbeitet. Das kann ich mir auch für meine Zukunft gut vorstellen.“