Leidenschaft für Klang

Noëmi Schwank, Marcel Falk, Barbara Tacchini vom KOB

Marcel Falk als Geschäftsführer, Noëmi Schwank als Musikvermittlerin und Barbara Tacchini als Marketing-Verantwortliche haben die Zusammenarbeit des Kammerorchesters Basel mit unserer Schule organisiert und begleitet. Wir haben uns mit ihnen über das Projekt „Schule macht Orchester“ in ihrem Büro im Ackermannshof in Basel unterhalten.

Das Interview führten Daniel Nussbaumer und Timo Kröner (Fotos: Nu).

Das Kammerorchester hat dreimal am Gymnasium Muttenz geprobt und es hat ein Austausch zwischen Schülern, Lehrern, Musikern und Mitgliedern der Geschäftsstelle in diversen Unterrichtsprojekten stattgefunden. Was sind eure Eindrücke?

Marcel Falk: Zunächst gab es von Seiten des Orchesters wie auch von Schule und Lehrpersonen gewisse Vorbehalte gegenüber dem Projekt. Es hat grossen persönlichen Einsatz und vielerlei Kontaktaufnahmen im Vorfeld gebraucht, um es ins Laufen zu bringen. Dann gab es aber eine positive Dynamik. Und es hat sich schnell gezeigt: In der unmittelbaren Begegnung mit Schülern können und wollen wir unsere spezifischen Qualitäten in die Vermittlungsarbeit einbringen. Wir haben pädagogisch interessierte Musikerinnen und Musiker und sind ein flexibles Ensemble. Wir können uns anders in eine Schule hineinbewegen als ein grösserer Orchesterapparat.

Noëmi Schwank: Die ersten Kick-Off-Tage waren sehr intensiv. Bei den Projekten haben wir wertvolle Rückmeldungen erhalten und befruchtende Gespräche führen können. Zum Beispiel im Workshop „Kommunikation und Psychologie“, in dem die die Jugendlichen die Musiker bei ihrer Arbeit beeindruckend genau beobachteten.

Barbara Tacchini: Die Lernenden können eine ganz neue Perspektive einnehmen: Die einen zeichnen und fangen Bewegungen ein, die anderen setzen sich mit den Eigenarten des Produkts auseinander und überlegen sich, wie sie das vermarkten können. Klar sollten sich die Schüler für Musik interessieren, aber sie dürfen ihr eigenes Interesse als Grundlage der Auseinandersetzung mit dem Kammerorchester voranstellen.

Noëmi Schwank: Und umgekehrt wünschen wir uns, dass das ein wechselseitiger Prozess ist, dass auch etwas mit den Musikern passiert, wenn sie als Protagonisten unserer Vermittlungsprojekte einen Eindruck davon bekommen, wie ihre Musik in der Welt der Jugendlichen wirkt.

Noëmi Schwank vom KOB im Interview mit dem Entfalter
Noémi Schwank:“Musik ist meine Passion.“

Könnt ihr sagen, was euch Musik bedeutet?

Noëmi Schwank: Musik ist meine Passion, mit ihr kann ich mich ausdrücken und entdecke ungemein viel. Ich bin davon überzeugt: Begegnungen mit Musik und Kunst sind für junge Menschen essenziell. Die Persönlichkeit wird gestärkt, die Wahrnehmung im ganzheitlichen Sinne sensibilisiert.

Marcel Falk: Musik kann Emotionen, Stimmungen und Erinnerungen hervorrufen, und das ist uns beim Kammerorchester Basel sehr wichtig, denn wir arbeiten mit Spielfreude, Lebendigkeit, mit Hingabe an das, was wir machen, und wir versuchen, das über die Bühnenkante zu bringen.

Barbara Tacchini: Aus einem Akkord können Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erklingen. Ich gehe aus einem Konzert heraus und weiss plötzlich, was mein nächster Schritt im Leben ist, weil die Musik das angeregt hat.

Kammerorchester Basel am Gymnasium Muttenz, Inteview für den Entfalter
Marcel Falk: „Wir haben einen hohen Anspruch an das, was wir tun.“

Marcel, was sind deine Aufgaben und wie siehst du deine Arbeit?

Marcel Falk: Meine primäre Aufgabe als Geschäftsführer besteht darin, Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass der Kulturbetrieb Kammerorchester beste Rahmenbedingungen finden kann, um das, was uns wichtig ist – die Musik – optimal auf die Bühne zu bringen. Ein Kulturbetrieb bewegt sich ja nicht rein in der freien Marktwirtschaft, er hat sowohl einen öffentlichen, einen gesellschaftlichen als auch einen selbst formulierten Auftrag. Wir haben einen hohen Anspruch an das, was wir tun und wie wir es umsetzen, mit unseren zahlreichen Konzerten auf internationaler Ebene und unseren Aktivitäten in Basel. Das ist ohne politische, ideelle und finanzielle Unterstützung gar nicht machbar, zumal wir 85% unseres Budgets selbst erwirtschaften.

Von der Ausbildung her bin ich Musiker und habe eine Zusatzausbildung in Kulturmanagement und Betriebswirtschaft gemacht. Doch das alleine reicht nicht. Im Kulturbereich muss man eine hohe emotionale Affinität haben zu dem, was man macht, und man muss wissen, wie Akteure im Kulturbereich – Sänger, Musiker, Schauspieler, Tänzer – denken und fühlen.

Barbara, Du bist Dramaturgin und Regisseurin, jetzt verkaufst du auch noch Musik?

Barbara Tacchini: Ich habe Germanistik, Musikwissenschaft und Skandinavistik studiert, das bestückt mein Grundwissen. Dramaturgie habe ich dann über Praktika und Assistenzen gelernt. Die Grenzen zwischen Dramaturgie und Marketing sind – je nach Grösse der Institution auch von den Stellenprofilen her – fliessend. Man fragt sich nicht nur, was für Werke man aufs Programm setzt, sondern auch warum und für wen, und wie man sein Zielpublikum anspricht. Ich muss wissen, was die grossen Stärken des Kammerorchester Basel sind und wie man diese nach aussen hin vermitteln kann. Ein wichtiges und mich begeisterndes Alleinstellungsmerkmal des Kammerorchester Basel ist die Leidenschaft für Klang, die alten Werke mit einem historischen Ansatz zu interpretieren und diese Interpretationen aus dem künstlerischen Dialog mit Artistic Partners heraus, oft auch ohne Dirigent, zu entwickeln.

Noëmi, worum geht es bei deiner Vermittlungsarbeit?

Noëmi Schwank: Ich bin Musikerin, Saxophonistin, und bin über diesen Weg und über die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen als Musikvermittlerin zum Kammerorchester Basel gekommen. Marcel Falk und ich haben in den letzten drei Jahren in vielen Diskussionen den Bereich Vermittlungsarbeit aufgebaut und neue Formate geschaffen. Dabei ist meine Aufgabe nicht nur eine pädagogische, sondern auch eine konzeptionelle: Ideen auszuarbeiten und zu entscheiden, wo was Sinn macht. „Schule macht Orchester“ hat vor anderthalb Jahren angefangen, und hier ist es meine Aufgabe, die Zusammenarbeit des Orchesters mit dem Gymnasium Muttenz aufzugleisen und die einzelnen Teilprojekte zu entwickeln. Dazu muss man kreativ und pragmatisch zugleich sein, weil es auch auch für die Vermittlungsarbeit klar definierte Ressourcen gibt, und der Schul- und Orchesteralltag um das Projekt herum weitergeht.

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Barbara Tacchini: „Dann mussten die Lernenden in einem Projekt mit uns eine Werbe-Postkarte für ein Suitenkonzert entwerfen und haben dafür in die Probe reingehört. So erhält ihr Schulwissen Weltbezug.“

Was wollt ihr mit eurer Arbeit erreichen?

Marcel Falk: Wir machen uns Gedanken, wie unser künftiges Publikum heute funktioniert. Wir wollen eine gesellschaftliche Verantwortung übernehmen, einen Schritt weiter gehen, als rein auf das Instrument fokussiert zu sein. Viele Jugendliche sind in einer Lebensphase, in der Musik mit einer hohen Emotionalität aufgeladen ist. Und viele unserer Musiker haben selbst Kinder, und so einen direkten Bezug zur Vermittlung von Musik, gerade auch an Schulen. Wir wollen natürlich auch, dass die Politik wahrnimmt, sei es in BL oder in BS, dass wir uns engagieren, dass wir über das, was unsere eigentliche Kernaufgabe ist, hinausdenken.

Noëmi Schwank: Wir möchten die Musiker unter die Leute bringen. Mit unseren „Klassenzimmerstücken“ gehen wir in Schulen, ins Altersheim oder jetzt ins Männerwohnheim, also mitten in die Gesellschaft. Das Spannende dabei ist, dass wir über längere Zeit in der Schule vor Ort sind und dem Alltag dort begegnen.

Barbara Tacchini: Die Schüler haben mir gestern erzählt, dass sie in einer Prüfung die Suite definieren mussten. „Die Suite ist eine Ansammlung von Tanzkompositionen“ – das haben sie auswendig gelernt, konnten sich aber nichts Konkretes darunter vorstellen. Dann mussten sie in einem Projekt mit uns eine Werbe-Postkarte für ein Suitenkonzert entwerfen und haben dafür in die Probe reingehört. So erhält ihr Schulwissen Weltbezug.

Erzählt uns eine witzige oder unvergessliche Begebenheit, die ihr mit dem Kammerorchester erlebt habt.

Marcel Falk: Ein Höhepunkt für mich war die Zusammenarbeit mit Hélène Grimaud, einer weltweit berühmten und hochgeschätzten Pianistin. Die Zusammenarbeit mit ihr hat sich als sehr konstruktiv und sympathisch herausgestellt, und das Orchester ist zu Höchstform aufgelaufen. Wir haben zwei Klavierkonzerte gespielt, daneben Werke von Prokofjew und Strawinsky. Beim Konzert mit Grimaud im Stadtcasino in Basel sass ich etwa in der 20. Reihe und habe die Leute beobachtet, auf deren Gesichtern die Musik einfach ein Lächeln gezaubert hat.

Noëmi Schwank: Ganz besonders war es zu erleben, mit welcher ungeheuren Konzentration die jungen Menschen der IBK-Klasse der Musik zugehört haben.

Barbara Tacchini: Ich arbeite erst seit wenigen Tagen beim Kammerorchester Basel und wurde bereits gestern ganz reich belohnt, als ich mich nach dem Marketing-Workshop in die Probe der Telemann-Suiten gesetzt habe. Der Sound hat mich elektrisiert.

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