Daheim

von Anja Fritz, 3Ba

Die Klasse 3Ba hat ihr erstes SOL-Projekt ♯homestories abgeschlossen. Dieses hat die Deutschlehrerin Ines Lilian Siegfried in Zusammenarbeit mit den Organisatorinnen der BuchBasel und der Autorin Meral Kureyshi durchgeführt. Die Schülerinnen und Schüler haben ihr Dorf, ihr Quartier, den Ort, wo sie wohnen, zum Anlass für einen literarischen Text genommen und sich darin die Frage nach der Heimat gestellt, die auch Schwerpunktthema der diesjährigen BuchBasel war. Fünf dieser Texte wurden am 8.11.16 im Jugend- und Kulturhaus FABRIK in Muttenz präsentiert. Einen davon haben wir hier abgedruckt.

Früher fühlte es sich anders an. Irgendwie echter. Das Gefühl, zu Hause zu sein, eine Heimat zu haben, sich wohlzufühlen. Für mich ist ein Zuhause mehr als nur ein Ort, es ist ein Gefühl. Das Gefühl, angekommen zu sein. Das Gefühl von Glück, Liebe, Zusammenhalt und Geborgenheit. Eine Heimat ist durch ihre Bewohner geprägt. Erst die Menschen, die irgendwo wohnen und dort bleiben, machen einen Ort zu einem Zuhause

Das, was meine Heimat ausmacht, ist meine Familie, denn sie kann mir all das geben. Ich möchte hier das Wort ‚kann‘ besonders betonen, denn dieses Gefühl fehlt bei mir. Von Tag zu Tag, von Minute zu Minute schwindet dieses Gefühl, bis es schlussendlich ganz verschwindet. Ich versuche es festzuhalten, es voranzutreiben und mit aller Kraft dafür zu kämpfen.

Als ich klein war, habt ihr mir Sicherheit geboten. Wenn ich nachts Angst hatte, hat Papa mit mir mein Zimmer nach Monstern abgesucht und mir gezeigt, dass nichts da ist. Dass ich sicher bin, dass mir hier nichts geschehen kann, hier bei euch. Inzwischen weiss ich, dass ich mich vor anderen Sachen als Monstern hätte fürchten sollen, denn es gibt viel schlimmere Dinge, die ein Zuhause zerstören.

Seitdem du krank bist, hat sich mein Zuhause von einem Gefühl immer mehr in einen Ort verwandelt. Ein Ort wie jeder andere, mit dem Unterschied, dass du dort bist. Mit all deiner Traurigkeit, Verzweiflung und Einsamkeit. Aber du bist nicht alleine, deine Krankheit, mit all ihrer Grausamkeit, ist dein ständiger Begleiter.

Multiple Sklerose, wie diese Worte klingen. Sie hören sich so wichtig an. Das müssen sie auch, denn sie haben alles geändert. Diese Worte haben dich verändert. Du versuchst alles normal zu gestalten und uns möglichst gleich zu behandeln, damit unser Zuhause und unsere Familie so bleiben.

Über die Jahre ist so viel passiert. Wir sind alle älter geworden, haben viel gelacht, doch immer, wenn alles besser schien, wurde es schlechter. Als dürfte das Glück nicht in unserer Wohnung wohnen. Es muss nicht immer das beste Zuhause sein, ich darf mich auch einmal fremd fühlen… Aber wenn ich in der eigenen Heimat zur Fremden werde, wenn ich mich selbst nicht mehr erkenne, dann muss ich etwas ändern. Vielleicht den Ort oder die Menschen, die das Zuhause zum Zuhause machen. Ich finde, ich muss auch nicht immer eine Heimat haben. Manchmal darf ich auch verloren sein, denn das Risiko besteht, sich selbst im Versuch, sich zu finden, zu verlieren.

Die Frage, die ich mir jetzt stelle, ist: Wo soll ich denn hin, wenn sich zu Hause nicht wie zu Hause anfühlt? Wenn sich mein Zuhause so anfühlen soll, dann bin ich überall zu Hause und doch nirgendwo daheim.