Die Zeitungsoper

Von Lisa Güetli (Fotos: Daniel Nussbaumer)

Die Lichter gehen aus. Das Stimmengewirr der Zuschauer verstummt. Auf der Bühne erscheint eine Amme mit einer brennenden Kerze. Im Kerzenlicht schreibt sie einen Brief an ihre Freundin, die Königin Dido. Die Aufregung ist richtig zu spüren. Wir kontrollieren, ob unsere Handytaschenlampen funktionieren, ob die weissen Handschuhe in der Tasche stecken und ob auch alle eine ganze Zeitung haben. Das Streichorchester beginnt die Ouvertüre zu spielen. Nun sind alle Blicke konzentriert und ich gehe nochmals kurz den Ablauf des ersten Aktes durch und dann ist es soweit.

Jetzt spielen die Streicher den Teil, bei dem unser Auftritt beginnt. Wir laufen im Dunkeln hektisch durchs Publikum auf die Bühne. Das einzige Licht ist unser Smartphonedisplay, mit dem wir unsere Gesichter anleuchten. So dunkel hätte ich es nicht in der Kirche erwartet. Ich versuche mich irgendwie an der Person vor mir zu orientieren und kann nur hoffen, dass ich keine Kirchenbank übersehe. Da, eine Stufe, und da, nochmals eine. Endlich habe ich die Stufen erklommen und bin auf der Bühne unversehrt angekommen. Der Scheinwerfer leuchtet auf und das erste Solo ertönt.

Am 16. und 17. Februar war es endlich soweit. Wir, der Kammerchor des Gymnasiums Muttenz, durften die Oper «Dido and Aeneas» von Henry Purcell (1688) in der römisch-katholischen Kirche in Muttenz aufführen. Eine Oper aus der Barockzeit, die von der verzweifelten Liebe zwischen Dido und Aeneas handelt. Das Liebespaar wird von intriganten Hexen wie Marionetten gesteuert. Die Hexen verbreiten Fake News über einen anscheinend göttlichen Auftrag, der Aeneas zur Weiterreise zwingt. Die Beziehung endet tragisch.

Für uns vom Kammerchor war das ein echtes Erlebnis. Ich meine, wer kann schon von sich behaupten, in einer Oper mitgewirkt zu haben, und dann noch als Schulchor? Dieses wahnsinnige Erlebnis begann aber nicht erst auf der Bühne. Schon vor dem Auftritt lief dieses Mal alles ein wenig anders ab. Normalerweise treffen wir uns eine halbe Stunde vor dem Konzert schon in voller Konzertkleidung und singen uns gemeinsam ein. Dieses Mal aber trafen wir uns schon zwei Stunden vorher. In dem kleinen Raum im Pfarreiheim wurde aber nicht eingesungen, sondern, wie es sich auch für eine echte Oper gehört, gingen alle zuerst in die Maske. Es war ein ziemliches Chaos. Musik wurde abgespielt. Hier wurden falsche Glitzerwimpern für die Hexen aufgeklebt, dort dampfte es aus dem Glätteisen und da drüben wurde ein Sänger mit Theaterschminke zugekleistert, welche vielleicht ein wenig zu dunkel war und nun allen eine Solariumbräune verlieh. Vom Hautton bis zur Lippenfarbe war alles abgesprochen.

Um 20 Uhr ging es dann los. Ich wünschte nochmals allen Solisten «Toi,toi,toi», dann begann die Aufführung. Die Kirchenbänke waren bis fast zur letzten Reihe gefüllt. Obwohl ich nur im Opernchor sang, war ich sichtlich aufgeregt, denn schauspielern und singen hatte ich noch nie gleichzeitig gemacht und einige Szenen kosteten mich auch Überwindung. Denn normalerweise renne ich nicht mit einer weissen Maske als Hexe durchs Publikum und verzaubere Leute. Daher habe ich sehr viel Respekt vor den Hauptdarstellern der Oper: Helena Bühler (Dido), Lenard Fasnacht (Aeneas) und Julia Kunz (Belinda). Sie füllten die ganze Kirche mit ihren vollen Stimmen und erstaunten einige Zuschauer mit ihrer professionellen Leistung. Oftmals war ich so gefesselt von ihrem Gesang, dass ich den Einsatz fast verpasst hätte. Die Kombination aus ihrem Gesang, dem Selbstvertrauen auf der Bühne und dem Schauspiel brachte einige Gänsehautmomente hervor. Unterstrichen wurde das Ganze noch mit einem Streichorchester, welches von Jürg Siegrist dirigiert wurde. Es bestand aus Gymnasiasten, Ehemaligen und aus Studenten der Schola Cantorum Basiliensis. Durch die tolle, enge Zusammenarbeit mit der Schola hatten wir das Glück, alte Instrumente, wie die Viola da Gamba, das Cembalo, den Violone und die Theorbe als andere und vielleicht auch fremde Klangfarbe mit dabei zu haben, welche der Oper das gewisse Etwas verliehen.

Die Oper wurde von Barbara Schneebeli und Felix Gygli inszeniert. Die Inszenierung benötigte nicht viele Requisiten und wurde sehr einfach gehalten, hatte aber grosse Wirkung. Ein Requisit, welches sich wie ein roter Faden durch die komplette Oper zog, war die Zeitung. Sie passte sich ständig dem Opernchor an und verwandelte sich mit diesem: vom normalen Gebrauch, bis zum Schmuck, zu einem Monsterkopf oder zu Zauberstäben. So wirkte die Zeitung auch in der Schlussszene mit.

Mit Zeitungsstücken begraben wir das Diadem der verstorbenen Königin Dido und nehmen Abschied von ihr. In grosser Verzweiflung versucht Aeneas das Diadem nochmals auszugraben und bedeckt sich selbst mit den Zeitungen. Die Musik verstummt und die Scheinwerfer gehen aus. Stille. Wir müssen uns alle zusammenreissen und die Tränen zurückhalten. Als wir noch im Januar im Chorlager waren, konnte sich keiner diese Situation vorstellen. Dann ertönt tosender Applaus mit Standing Ovation, der Lohn für die getane Arbeit. Der Lohn für die Stunden der Probe. Der Lohn eines jeden Musikers. Und auch der Lohn für das Aufräumen der Bühne, denn diese sieht nach der Oper wie ein Zeitungsschlachtfeld aus.

Mit dieser so emotionalen Aufführung war das Konzert aber noch nicht zu Ende. Der grosse Chor des Gymnasiums hatte auch noch seinen Auftritt mit dem ebenfalls englischen Werk «Five Days that Changed the World» von Bob Chilcott. Dies war ein völliger Kontrast zur Oper, denn auch wenn die Sprache und Herkunft gleich war, könnten die beiden Werke nicht unterschiedlicher sein. Das Werk von Chilcott, oder „Schildchrott“, wie es liebevoll von uns genannt wird, wurde 2013 uraufgeführt. Es sind fünf kurze Stücke, welche jeweils einen Tag in der Geschichte der Menschheit beschreiben, der die Welt verändert hat, wie zum Beispiel die Abschaffung der Sklaverei oder die Entdeckung von Penicillin. Die Stücke für Chor, Pauke und Klavier, welches Christine Boog spielte, bestechen durch gewagte Rhythmik und Harmonik.

Als Abschluss sangen wir von Purcell aus «King Arthur» «The Cold Song» und wurden vom Streichorchester begleitet. Unser Chordirigent Christoph Huldi hatte sich dabei gedacht, dass das Stück, in dem es um das Frieren geht, wunderbar zu einem kalten Februartag passen würde. Nur leider schien die Sonne den ganzen Tag und bei frühlingshaften Temperaturen von 17 Grad. Als Zugabe wurde dann nochmals die Vielfalt des Chors unterstrichen mit dem Song «Human» von Rag’n’Bone Man.

Wir singen noch einmal aus voller Kehle und ernten zum letzten Mal grossen Applaus. Das Konzert ist ein voller Erfolg mit vielen schönen Erinnerungen. Immer wenn ich jetzt die „20 Minuten“-Zeitung in der Hand habe, muss ich mit einem tragischen Lächeln an die Oper «Dido and Aeneas» denken.

Und diese Erinnerungen teilen wir hier Blog, zum Schluss mit einem Bild vom Gesamtchor, dem Orchester und dem Kirchenraum mit dem Publikum. Ein Klick darauf lädt die Originalgrösse: