Das tastende Auge – die sehende Hand

von Marianne Breu und Alexandra Vögtli

Alle unsere Dinge sind von menschlichem Geist und Gestaltungswillen durchdrungen. Jedes Ding hat ein Gesicht, eine Gestalt. Der Tag beginnt mit einem Schlag auf den gestalteten Wecker. Nach dem Abstreifen des gestalteten Pyjamas wird im gestalteten Bad geduscht. Beim Kaffee aus der gestalteten Tasse wird die gestaltete Zeitung gelesen. Und im gestalteten Gefährt gehts an den gestalteten Arbeitsort.

Hinter all diesen visuell wahrnehmbaren, in der Regel unbewusst konsumierten Dingen verbirgt sich die Arbeit von Grafikern, Möbel-, Web-, Mode-, Industriedesignern, Architekten, Fotografen, Illustratoren und Künstlern. Im Schwerpunktfach Bildnerisches Gestalten werden junge Erwachsene mit visuellem und gestalterischem Interesse auf diese Berufsausbildungen vorbereitet. Dabei lernen sie, die visuelle Kultur zu verstehen, an ihr begreifend teilzuhaben und sich selbst auszudrücken.

Bildnerisches Gestalten ist ein Kommunikationsfach, in dem es um Bildsprache geht. Bildverständnis – analog zum Sprachverständnis – ist eine Basiskompetenz. Sie ermöglicht den Lernenden, den Anforderungen einer von Bildern und Zeichen geprägten Lebens- und Arbeitswelt gewachsen zu sein.

Das «Machen» steht im Mittelpunkt des Schwerpunktfachs BG. Wir zeichnen, malen und modellieren nach Bildvorlagen, nach der dreidimensionalen «Natur» oder aus der Vorstellung und inneren Bildwelt. Die Techniken reichen vom Zeichnen mit dem Bleistift über das Malen mit Pigmenten oder Ölfarben, Drucktechniken, bis hin zum Papierschnitt und zum Arbeiten mit Ton, Gips, Speckstein oder am Computer.

Jeder Erkenntnis in dieser komplexen Arbeit mit unseren Händen geht bewusstes Sehen voraus. Das Sehenlernen ist ein langsamer Prozess, der allein durch Erfahrung und praktische Übung erlangt werden kann. So eine unmittelbare, körperliche und sinnliche Aktivität ist im gymnasialen Alltag wichtig und entspricht dem Anspruch nach Bildung von Kopf, Herz und Hand.

Üben hat im Fach BG wenig Repetitives und führt zu immer neuen, oft überraschenden Resultaten. Dazu schreibt der Kunstpädagoge Gert Selle in seinem Werk «Gebrauch der Sinne», 1988: «Üben ist eine Tätigkeit, ein praktischer Weg der Selbstbetätigung wie Selbsterprobung – und damit etwas anderes als im üblichen Schulunterricht. Übungen durchbrechen die Passivität des Aufnehmens. Sie rechnen mit einem Subjekt, das in der Tätigkeit Interesse findet, das etwas aushält oder sich abfordert. Üben ist dem tätig in die Hand genommenen Leben verbunden und vermittelt Erfahrungen in eigener Anstrengung und Verantwortung.»

Es findet überdies eine theoretische Auseinandersetzung mit der Kunst von heute und gestern statt. Kunstgeschichte ist wie eine Perlenkette, bei der jedes neue Glied Antwort und Reaktion auf das vorherige bildet. Dieses Kunstverständnis öffnet den Zugang zu diversen Aspekten der Kunst: dem Naturalismus im Barock oder Impressionismus, dem Potenzial des Abstrahierens in Gotik oder Expressionismus, den Freiheiten des Kubismus und Surrealismus. Die Lernenden erhalten ausserdem das Werkzeug, Bilder selbstständig zu verstehen. Kunstwerke enthalten gegenüber den gestalteten Dingen des Alltags ein «Mehr» an vieldeutigem Inhalt. Wie Poesie lässt sich Kunst auseinanderfalten und zwischen den Zeilen lesen.

Manche Lernende wagen denn auch den Schritt in die Selbständigkeit, indem sie im «Gesellenstück» der Maturarbeit ein künstlerisches oder gestalterisches Thema wählen. Der Prozess ist abenteuerlich; vieles wird geplant, wieder verworfen, bedacht und ausprobiert. Konkrete Ideen und Vorhaben lassen sich erst im Prozessverlauf greifen. Es braucht Neugier, Mut zum Ausprobieren, Ausdauer und die Fähigkeit, mit Rückschlägen und Frustration umzugehen. Künstlerische Tagebücher zeugen von dem, was einem zugestossen ist und was einen zu dem gemacht hat, was man ist oder was man im Begriff ist zu werden.