Die Ernte des Erlernten

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Maturrede von Isabelle Hausmann (damals Klasse 4ILM, gehalten am 15. Dezember 2016) (Foto: Nu)

Geehrte Verwandte und Bekannte, geschätzte Lehrerschaft, liebe Maturae und Maturi. Letztes ist übrigens Latein und bedeutet, dass wir jetzt „reif“ sind – zumindest auf dem Papier.

Es ist ein beklemmendes Gefühl irgendwo in der Magengegend, das mich im Verlaufe dieser Feier beschlichen hat. Genau genommen suchte mich dieses beklemmende Gefühl bereits heim, als ich zuhause vor einem leeren, weissen Worddokument mit dem Titel „Rede für Maturfeier“ sass und ich mir nicht denken konnte, wie ich dieses leere, weisse Worddokument heute in diesem vollen, farbenfrohen Raum präsentieren sollte. Ja, so etwas kann einen leicht in Panik versetzen.

Trotzdem habe ich es geschafft, diese Tage hinter mich zu bringen, und trotzdem wird mir mulmig zumute, da ich nun hier stehe und weiss, dass dies der letzte Tag sein wird, an dem wir ehemaligen Viert-Klässler uns alle im selben Raum befinden. Deshalb würde ich diesen Tag und exakt diesen Moment als einmalig in unserem Leben bezeichnen. Um diesen Moment zu würdigen und voll auszukosten, werde ich in den nächsten paar Minuten mein Bestes geben. Ich möchte in dieser Rede meinen Blick über die Landschaft des Gymnasiums Muttenz schweifen lassen, bei einigen Hügeln und Bäumen haltmachen, schmunzeln und vielleicht auch etwas melancholisch werden.

Wie ich also auf meinem Aussichtspunkt stand und meinen Blick über diesen großen Garten der schulischen Vergangenheit gleiten ließ, begann ich darüber nachzudenken, was ich wohl an dieser Aussicht vermissen würde. Ich trat nochmals ein in den Garten, in dem wir alle vor noch nicht allzu langer Zeit unser Unwesen getrieben hatten. Doch mit jedem Schritt kam ich den unangenehmeren Ecken näher und die Umrisse wurden deutlicher von den Umständen, die ich garantiert nicht missen würde: das ermüdende, ewige Treppensteigen, die unzuverlässigen Toilettenspülungen im vierten Stock, die permanente Angst, es könnte mir eine Tafel auf den Kopf fallen, der aufdringliche Erdnussgeruch, der mal mehr, mal weniger von der Industrie herübergeweht wurde.

Ich sah also ein, dass ich mir einen anderen Blickwinkel suchen musste, um das scharf zu sehen, was ich missen würde. Ein Gewirr von Schülern und Lehrern, Klassenzimmern und Pausenplätzen und der Wechsel der Jahreszeiten vom Frühling der ersten Klasse bis nun in den tiefsten Winter der vierten Klasse: Wenn sich der Nebel des Vergessens über diese Landschaft legen wird und ich nicht mehr alles so klar wie heute vor Augen haben werde, was haben wir im Laufe dieser dreieinhalb Jahre von den Bäumen und Sträuchern gepflückt, was haben wir geerntet, uns angeeignet, das bleiben wird?

Ich meine damit nicht die Unmengen an Blättern und Büchern, derer sich wahrscheinlich einige von euch bereits entledigt haben. Nein, ich meine den Teil dieser Ernte, der uns durch Lernen mitgegeben wurde.

Diese Ernte des Erlernten sind zum einen Teil die Früchte, die unsere geschätzten Lehrerinnen und Lehrer für uns von den Bäumen und Sträuchern gepflückt und uns mit einem wohlwollenden Lächeln in die Hände gelegt haben. Diese Früchte des Lernens haben ein immenses Gewicht, wenn man einen Blick in den dichtgedrängten Lehrplan wirft.

Doch was ich als genauso wichtig, vielleicht sogar als ein wenig wichtiger gewichte, ist der andere Teil dieses Erlernten. Es ist der Teil der Ernte, den wir Schülerinnen und Schüler selbst gepflückt haben. Wir haben bereits die kleinen Bäumchen selbst gepflanzt, bewässert, gehegt und gepflegt und haben es uns somit selbst zu verdanken, dass wir nun ernten können. Ich meine damit die zwischenmenschlichen Kontakte und Freundschaften, die wir während dieser Zeit geschlossen, gepflegt und entwickelt haben.

Denn auch wenn es natürlich toll ist, dass man eine mathematische Funktion integrieren kann oder dass man weiss, dass „une hotte aspirante“ eine französische Dunstabzugshaube ist – Klettwörterbuch sei Dank! –, so empfinde ich die Tatsache, dass wir gelernt haben als Team oder Gruppe zu agieren, dass wir in unseren Klassen einen Zusammenhalt entwickelt haben und dass wir viele individuelle Freundschaften geschlossen haben, als extrem bedeutend, weil uns dies im wichtigsten Fach des Lebens weitergebracht hat, nämlich dem „Menschsein und menschlich handeln“. Und das ist es, was ich vermissen werde.

Als ich jetzt meinen Blick zurückwandte, säumten kahle Bäume meinen Pfad. Sie hatten im Herbst ihre Blätter verloren und die Früchte, die sie trugen, befinden sich nun in unserer Obhut, ob wir sie nun selbst gepflückt haben oder ob sie uns in den Schoss gelegt wurden. Wir stehen an einer Kreuzung von wahrscheinlich unendlich vielen Pfaden, weil uns nun die Welt zu Füssen liegt; wir müssen sie nur noch betreten, jeder von uns auf seine eigene Art.

Als dieses Worddokument mit dem Namen „Rede für Maturfeier“ nicht mehr leer war, empfand ich eine grosse Erleichterung, denn auch das beklemmende Magengefühl verabschiedete sich kurzzeitig. Ich bin froh, dass wir alle teilhaben durften an der gewaltigen Ernte unserer Schullandschaft. Ich hoffe, liebe Ex-Mitschülerinnen und Mitschüler, dass in eurem Anteil der Ernte die Früchte des Erfolgs liegen, aber natürlich gehört auch die eine oder andere faule Frucht, der eine oder andere Misserfolg zum Leben dazu. Doch wir als Maturae und Maturi werden damit umzugehen wissen, da bin ich sicher. Denn auf gewisse Art sind wir jetzt selbst, als reife Menschen, eine Ernte und wir werden die Gesellschaft mit unserem Geschmack und unserer Vielfältigkeit bereichern.

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