Sieben Talente, drei unvergessliche Abende

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von Helena Bühler (Fotos: Gina Pelosi)

„Warum sind wir heute hier? Was bringt uns zusammen? Liebe Musik-Maturandinnen und Musik-Maturanden, erinnern Sie sich an den 17. August 2015? Erwartungsvoll und neugierig, etwas schüchtern oder sogar ängstlich waren die Persönlichkeiten, die dieses Schulhaus zum ersten Mal betraten. Einige von Ihnen kämpften vielleicht mit Startschwierigkeiten, andere hatten weniger Mühe, sich zurechtzufinden. Aber Sie alle haben in dieser Zeit hier am Gymnasium Hochs und Tiefs erlebt. Sie alle kennen das Gefühl von Frust und Enttäuschung nach einem Durchhänger und das Gefühl von Stolz und Freude nach einem gelungenen Auftritt. Und wer sind Sie heute? Was haben Sie von diesen vier Jahren auf ihrem Weg zu jungen Musikerinnen und Musikern mitgenommen? Liebe Eltern, liebe Familien und Freunde, freuen Sie sich auf einen bunten Abend voller Musik und geniessen Sie zusammen mit unserer Abschlussklasse 4M diesen speziellen Moment.“

Applaus und tiefes Durchatmen folgen auf die feierliche Begrüssungsrede von Frau Boog. Nicht nur die jungen Musiker*innen sind nervös, auch Eltern, Familienangehörige und Freunde sind gespannt, was der Abend mit sich bringt. Das Foyer des Gymnasiums Muttenz ist nicht wiederzuerkennen: Wo normalerweise Tische zum Essen und Lernen stehen, reiht sich Stuhl an Stuhl und wo sich sonst die Mikrowellen befinden, steht eine grosse Bühne mit einem Sammelsurium an Instrumenten bereit. Der Applaus nimmt ab und verstummt schliesslich ganz. Die Blicke der Zuschauer*innen sind nun erwartungsvoll auf die Bühne gerichtet, scheinen förmlich an ihr zu kleben. Mit geröteten Wangen tauschen die Musikschüler*innen untereinander ein letztes ermutigendes Lächeln aus. Dann heisst es: Bühne frei für Fiona.

Se l’aura spira tutta vezzosa, la fresca rosa ridente sta…“, beginnt sie zu singen. Das Lied von Girolamo Frescobaldi, untermalt mit einer sanften Gitarrenbegleitung, stimmt das Publikum sofort entspannter. Die Anfangsnervosität ist von einer meditativen Ruhe abgelöst worden und die Zuschauer*innen sind dem Bann von Fionas Stimme verfallen. Es folgt ein italienisches Wiegenlied, dann eine Reise in die Welt der Sehnsucht und Vergänglichkeit mit Céline Dions Stück „Encore un soir“. Der Song „Stop“ von Sam Brown bildet den emotionalen Höhepunkt des Programms, welches schliesslich vom Musicalsong aus Fame „Think of Meryl Streep“ und einem aussergewöhnlichen Arrangement von Ariana Grandes „God is a Woman“ abgerundet wird. Letzteres ist ein Gesangstrio, welches Fiona mit ihren beiden Klassenkameradinnen Tamara und Maíra einstudiert hat. Stilrichtungen, Instrumente und Emotionen könnten nicht unterschiedlicher sein und doch ist jedes Stück genau auf Fiona abgestimmt. Oder ist es eher umgekehrt?

Die letzten Zeilen erklingen: „It lingers when we’re done, you’ll believe God is a woman.“ Tosender Applaus folgt und damit fällt die ganze Anspannung von Fiona ab. Alle Mitwirkenden kommen noch einmal zu ihr auf die Bühne und verbeugen sich. Ein Röschen für alle Beteiligten darf natürlich nicht fehlen und auch die Solistin nimmt ihre Blumen glücklich entgegen. Das geheimnisvolle, professionelle Lächeln während der Aufführung hat sich in ein freudiges Strahlen verwandelt. Eine weitere Hürde ist geschafft und diese hat Fiona mit Bravour gemeistert!

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Alle Schüler*innen mit dem Schwerpunktfach Musik schliessen ihre Zeit hier am Gymnasium Muttenz mit einem halbstündigen Konzert ab. Diese sogenannten „Rezitals“ der vierten Klassen finden jeweils am Ende des Schuljahres statt und sollen die Fortschritte und Fähigkeiten der jungen Musiker*innen aufzeigen und ihnen die Möglichkeit geben, ein Konzertprogramm nach individuellen Wünschen zu gestalten und zu präsentieren. In diesem Jahr sind es sieben Abschlussschüler*innen mit dem Schwerpunkt Musik. Sie haben sich auf drei Abende aufgeteilt und ihre Rezitals vom Montag, dem 20. Mai, bis am Mittwoch, dem 22. Mai, für Familie und Freunde vorgetragen.

Die Maturandinnen und Maturanden spielen ihr Programm insgesamt zwei Mal. Einmal als öffentliches Konzert, oder eben Rezital vor Publikum, und eine Woche später finden dann die Maturprüfungen mit dem gleichen Programm vor der jeweiligen Instrumentallehrperson, der Schulleitung und einem Experten/einer Expertin statt. In der Gestaltung des Konzertprogramms sind die angehenden Musiker*innen fast komplett frei. Als einzige Vorschrift gilt: Das Rezital muss Stücke aus drei verschiedenen Zeitepochen beinhalten. Diese Freiheit macht sich natürlich auch die diesjährige Abschlussklasse zunutze, und so zeigen alle ihr Können von der besten Seite.

Die Kreativität nahm kein Ende: Cyrill und Nico trommelten wilde Rhythmen auf einer Konstruktion aus Regentonnen und leeren Farbtöpfen und auch eine Eigenkomposition auf dem Schlagzeug war an beiden Konzerten vertreten. Tiziano zeigte mit seiner Euphonium-Improvisation über den Jazz-Standard „Autumn Leaves“einen ganz neuen Charakter des Stückes. Die bekannte Melodie ertönte als Marsch, verpackt in einen Bossa Nova, in bluesiger Variation oder einfach als jazziger Stimmungsmacher. Und auch Maíra wurde mit ihrer Performance am Klavier dem Titel ihres eigenen Songs „Too Deep“ mehr als gerecht. Ihre klare Stimme erreichte selbst die Zuschauer*innen in den hintersten Reihen. In eine andere Richtung ging Tamara mit dem Song „These are my Children“ aus dem Musical Fame. Sie sang das Stück mit einer Wärme und einer Hingabe, dass sogar die härtesten Herzen weich wurden. Dagegen bot Stefanie eine freche Abwechslung. Zusammen mit Pascal aus der zweiten Musik-Klasse trug sie ein pfiffiges Celloduett von Friedrich August Kummer vor.

Natürlich wird die Aufzählung einiger Highlights den drei Rezital-Abenden niemals gerecht. Jeder einzelne Künstler, jede einzelne Künstlerin lieferte eine vielseitige und bühnenreife Performance ab und schenkte dem Publikum eine halbe Stunde purer Freude und Genuss.

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Tiziano präsentiert sein Konzert als Letzter der sieben Abschlussschüler*innen. Mit seinem Rezital neigen sich vier Schuljahre voller Erfahrungen und Erlebnisse dem Ende zu. Genüsslich spielt er noch einmal die Melodie von „Autumn Leaves“. Schliesslich wird er leiser und lässt das Lied ausklingen. Seine Lippen formen ein leises „Vielen Dank“. Dann ertönt der finale Applaus. Frau Boog bittet alle Abschlussschüler*innen noch einmal auf die Bühne, um den letzten Applaus gemeinsam zu geniessen. Und da stehen sie nun, Seite an Seite, Hand in Hand. Stolz, Erleichterung, aber auch ein bisschen Traurigkeit ist auf den Gesichtern erkennbar. So anstrengend und ermüdend die Zeit hier am Gymnasium manchmal gewesen sein mag. Sie hat die sieben jungen Musiker*innen zusammenwachsen lassen und ihnen Erfahrungen fürs Leben geschenkt.

Beim ausgelassenen Apéro nach den Aufführungen wird eine Gratulation nach der anderen ausgesprochen. Strahlende Abschlussklässler*innen, glückliche Eltern, zufriedene Instrumentallehrpersonen und eine sichtlich stolze Schulleitung: Einmal mehr sind die Talente der Schüler*innen wunderbar zur Geltung gekommen. Noch einmal müssen sie ihr Können an der Prüfung beweisen und dann ist die Freiheit nicht mehr weit. Die grosse Welt der Musik wartet nur darauf, von Nico, Stefanie, Tamara, Fiona, Cyrill, Maíra und Tiziano entdeckt zu werden!

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