Im Einsatz für eine frische Politik im Hier und Heute

Am 19. Januar zeigten Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Muttenz ihre politischen Ideen, teils ganz praktischer Natur. Von Axel Mannigel (Muttenzer Anzeiger). Fotos. Daniel Nussbaumer

«Dieser Anlass soll jungen Menschen die Gelegenheit geben, bezogen auf ihre Heimatgemeinden zu überlegen, was sich in der Gemeinde verändern oder gar verbessern lässt, damit etwas anders wird», erklärt Seraina Gartmann, am Gymnasium Muttenz Lehrperson für Deutsch, Geschichte und Politische Bildung. Neben ihr steht Kollege Claudio Conidi, der den Anlass zusammen mit Gartmann organisiert hat. Der Anlass mit dem Titel Junge Wandelhalle besteht aus 15 Ständen im Erdgeschoss des Gymnasiums Muttenz, eine Art Markt. Nur werden hier keine Produkte verkauft, sondern Ideen beworben. Hier am Gymnasium wird Politische Bildung im dritten Schuljahr als Fach unterrichtet, so Gartmann. Das sei die Zeit, in der junge Menschen meistens volljährig würden und mitsprechen respektive wählen und abstimmen dürften.

Aktives Engagement

Der heutige Anlass soll aufzeigen, dass junge Menschen politisch sind, dass sie Ideen für die Gestaltung der Gesellschaft haben und sie diese auch aktiv einbringen wollen, ergänzt Conidi. Dazu gehöre natürlich auch, die Realität und ihre Herausforderungen zu erleben und zu lernen, damit umzugehen. Die Stände sind im Gang und in der Aula angeordnet und überall geht es lebhaft zu. Es ist schön zu sehen, dass die Schülerinnen und Schüler gefordert werden und sich darin üben, ihre Idee zu vermitteln.

«Bei uns geht es um einen Emergency-Automaten, den wir am Bahnhof in Pratteln aufstellen möchten», sagt Käthe Linke Aguirre und ihre Kollegin Shania Müller fügt hinzu: «Sie kennen ja sicher die Selecta-Automaten, aber unser Slogan ist: Kein Snack, kein Drink, sondern Leben.» Die beiden wollen einen Automaten mit dem befüllen, was im Notfall gebraucht werden könnte, etwa Verbandsmaterial, Hygieneartikel und Erste-Hilfe-Sets, aber auch Sonnencreme. «Alles, was man halt zum Schutz so braucht», lacht Käthe und Selim Müller, der Bruder von Shania, nickt: «Aus meiner Sicht als Rettungssanitäter macht so ein Automat sehr viel Sinn und es wäre toll, wenn es so etwas gibt.»

Ganz vorne am Eingang haben Julia Setalo, Aurelia Cereghetti und Lea Casty ihren Stand. Ihnen ist wichtig, dass der Uferweg zwischen Birsköpfli und Kraftwerk beleuchtet wird. «Der Weg sieht jetzt so aus», so Lea und zeigt auf die Tafel: «Es ist wirklich stockdunkel!» Momentan würden manche Leute den Weg mit Stirnlampen benutzen, aber viele würden ihn ganz meiden. Aurelia: «Wir haben eine Umfrage gemacht, die ergeben hat, dass eine ordentliche Beleuchtung gewünscht wird.» Eine Lösung haben die drei Schülerinnen auch. «Unsere Idee ist es, Solarlampen einzusetzen, die sich auch im Winter gut aufladen», erklärt Julia. Und wenn es im Winter doch mal Probleme geben sollte, ist das Kraftwerk ja um die Ecke, freut sich Lea. Die drei sind sich sicher, dass eine gute Beleuchtung nicht nur schön ist, sondern auch Sicherheit schaffen würde.

Einen Stand weiter informieren Lucy Wehrli, Ann-Catherine Böller und Luisa Rudin über Foodwaste. «Das ist sehr aktuell und beschäftigt eigentlich alle», erklärt Lucy. «Wir wollten eigentlich die App Too-Good-To-Go für alle Muttenzer Läden obligatorisch machen. Aber durch Kontakt mit Volg, Jenzer und anderen erfuhren wir, dass sie entweder schon dabei sind oder eigene gut laufende Programme haben.» Diese wollten die drei Schülerinnen nicht zerstören, wie Luisa sagt: «Denn die funktionieren ja.» Deswegen haben wir uns eine Muttenzer Auszeichnung für diejenigen Läden überlegt, die etwas gegen Foodwaste unternehmen. Diese in Form eines Stickers könnten die Läden dann an ihrem Eingang anbringen, erzählt Ann-Catherine. Das soll einerseits Transparenz schaffen, andererseits die teilweise unbekannten Bemühungen der Läden honorieren. Eine Verbündete finden die drei in der Muttenzer Gemeindepräsidentin Franziska Stadelmann, die sich offen für die Idee zeigt und eine mögliche Umsetzung via Umweltdepartement andeutet. Überhaupt ist Stadelmann vom Anlass sehr angetan: «Es gibt tolle Ideen und Ansätze, die Schülerinnen und Schüler sind motiviert und haben Freude. Auf einem anderen Blatt steht, was wirklich umsetzbar ist…» Da sie ein Mitglied der Jury ist, die am Ende die drei besten Projekte bewertet, muss sie weiter, die Zeit drängt.

Der nächste Stand für den Muttenzer Anzeiger ist der von Jaycee Tschudin, Melody Nadolny und Cheyenne Zeugin. Sie setzen sich in Birsfelden für den Anne-Frank-Platz ein. «Es gibt zwar eine kurze Erklärung, allein schon, da Annes Vater Otto Frank um die Ecke gelebt hat, aber die meisten Birsfelderinnen und Birsfelder wissen nicht, warum es diesen Platz hier gibt», so Jaycee. Und Melody sagt: «Wenn man dieses Schild sieht, wirft es mehr Fragen auf, als dass es Antworten gibt. Deshalb finden wir es wichtig, eine Informationstafel zu erstellen, die an Anne Frank und ihr Schicksal erinnert.» Sie selbst hätten auch zuerst nicht gewusst, was es mit dem Platz auf sich habe, berichtet Cheyenne. «Es braucht mehr Informationen, die dieses Wissen weitervermitteln und die Erinnerung lebendig halten.»

Zu viel Erinnerung gibt es für Timon Maurer und Raphael Weiss in politischer Hinsicht. An ihrem Stand setzen sie sich dafür ein, den Propagandaversand in Pratteln zu reduzieren. «Uns geht es um politisches Werbematerial auf kommunaler Ebene», so Timon. «Im Gesetz ist vorgesehen, dass das jeder Haushalt einmal bekommt, aber es wird so gelebt, dass es jeder stimmberechtigten Person zugesendet wird, also in meiner Familie viermal.» Das sei einerseits Papierverschwendung, andererseits Verschwendung von Steuergeldern. «Wir haben das mal durchgerechnet und kommen auf rund 5000 Franken pro Jahr, die sich einsparen und anderswo einsetzen liessen.» Die beiden Schüler hätten Gemeindepräsident Stephan Burgunder angeschrieben und sich mit Gemeindeverwalter Beat Thommen ausgetauscht. Das Interesse ist da, aber für eine Änderung muss ein Vorstoss aus dem Einwohnerrat kommen, berichtet Raphael. Sie hätten alle Parteien angeschrieben, aber noch nichts gehört…

Vielfältige Ideen

Die meisten Schülerinnen und Schüler am Muttenzer Gymnasium kommen aus Muttenz, Birsfelden und Pratteln. Es gibt aber auch solche aus Rheinfelden, Möhlin, Liestal und Stein mit ihren jeweiligen Projekten. Klar ist, dass hier nicht alle Ideen vorgestellt werden können, selbst nicht alle aus den drei Kerngemeinden. Last but not least sei hier noch der Stand von Oliwia Nowak, Aylina Ospina Cruz und Jaël Theiler erwähnt, die sich in Muttenz für Gelegenheitsjobs engagieren. «Bei uns geht es um eine mögliche Webseite mit dem Namen MUJobs, auf der man Jobangebote erstellen oder suchen kann», stellt Oliwia die Idee vor. Im Fokus stünden eher kleine Jobs wie Babysitten oder Rasenmähen, welche die jungen Menschen für ältere Personen oder Familien mit Kindern erledigen könnten. «Kleine Jobs, grosser Wert», steht auf dem Poster der drei Schülerinnen, und Jaël erklärt: «Wir denken an wöchentlich ein oder zwei Einsätze, die vor allem für ältere Leute von grosser Bedeutung sein können, etwa Einkaufen.» Die Webseite würde also als Vermittlung funktionieren? Die drei nicken. «Bei unseren eigenen Grosseltern machen wir das natürlich und die freuen sich immer», sagt Aylina, «aber es gibt viele, die keine Kinder oder Enkel haben.» Bei der Auswahl über die Webseite könne gewählt werden, ob der Job freiwillig oder gegen Bezahlung geleistet werde. «Wir finden, die Gemeinde sollte mehr zusammenhalten», meint Oliwia und lacht: «Jeder profitiert davon.»

Für die Bewertung lässt sich die Jury viel Zeit und die Spannung steigt nicht nur bei den Jugendlichen. Schliesslich kommt es zur Verkündung durch Rektor Alexander Bieger: Auf dem dritten Platz landet das Projekt «Zebrastreifen Waldenburgerstrasse» aus Liestal, auf dem zweiten Platz das Projekt «Nachtbeleuchtung Birsköpfli» aus Birsfelden und den ersten Platz erringt das Projekt «No Foodwaste Stern» aus Muttenz. Alle Gewinnerinnen erhalten einen Büchergutschein, um sich weiterbilden zu können, wie Gartmann weiss.

Politisches Handwerkszeug

In der Jury befinden sich auch Stephan Ackermann, Landrat und Fraktionspräsident für die GPS aus Pratteln, sowie Christoph Rudin, ehemaliger Landrat für die SP aus Birsfelden. «Alle Projekte sind toll und lohnen sich umgesetzt zu werden», so Ackermann und meint: «Der Entscheid hat schon etwas Zufälliges. Es ist relativ schwierig, Kriterien dafür zu finden, was relevant ist. Das ist nicht so einfach.» Rudin findet: «Grundsätzlich ist das ein ganz tolles Projekt, das das Gymnasium auf die Beine gestellt hat, bei dem die Schülerinnen und Schüler erste Erfahrungen sammeln können.» Ideen seien das Erste, anschliessend gehe es um die Umsetzbarkeit und brauche ein gewisses politisches Handwerkszeug. «Das lässt sich bei manchen schon erahnen», so Rudin. Und Ackermann abschliessend: «Absolut wertvoll! Für ein allfälliges nächstes Mal wäre es schön, den Schülerinnen und Schülern noch mehr Praxis mit auf den Weg zu geben, sie vielleicht mal während des Prozesses zu besuchen und einen gewissen Austausch mit der Lokalpolitik zu fördern.» Ein spannender Abend geht zu Ende, ein Abend, der das grosse Engagement junger Menschen gezeigt hat und der hoffen lässt, dass die viel zitierte Politikverdrossenheit nicht viel mit der Realität zu tun hat. Aber dafür braucht es auch eine Politik, die neue Impulse willkommen heisst und die offen für Veränderungen ist. Dann gibt es eine frische Politik von morgen.


Am Abend auch präsent war der Ehemaligenverein des Gym Muttenz.

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