Therapie für Kulturpessimisten

von Peter Hänger

„Die Jugend“ soll ein grosses Herz haben. Sie soll Illusionen pflegen und Utopien nachjagen. Es ist gleichsam ihr Privileg, sich für eine bessere und gerechtere Welt zu engagieren. Aber irgendwann soll sich Realitätssinn einstellen. Das besagt zumindest der Ausspruch, den alle Welt kennt: „Wer mit 16 nicht Sozialist war, der hat kein Herz. Wer mit 30 noch Sozialist ist, der hat keinen Verstand.“ Der Ausspruch wird vielen Vätern zugeschrieben, so zum Beispiel Georges Clemenceau, Winston Churchill, Benedetto Croce, Bertrand Russell – und es gibt unterschiedliche Versionen.

Pflegt die heutige Jugend ihre Illusionen? Will auch sie die Welt verbessern? Aktivisten von einst meinen: nein. Ihnen kommt die Jugend von heute wenig rebellisch und engagiert, dafür umso mehr konsumorientiert und angepasst vor. Das lässt Raum für Selbstverklärung: Was waren wir doch damals für Teufelskerle! Kulturpessimisten wiederum wähnen überall den allgemeinen Niedergang. Diesen orten sie auch bei jungen Menschen, die ohnehin mehr in der virtuellen als in der realen Welt zugange seien.

Was meint der Geschichtslehrer? Nun, er soll ja vor allem historisches Wissen und fachbezogene Kompetenzen vermitteln. Natürlich hegt er als Pädagoge einen darüber hinausgehenden Ehrgeiz. Er will ein klein wenig zur Bewusstseinsbildung seiner Schülerinnen und Schüler im politischen und ethisch-moralischen Bereich beitragen. Da der Geschichtslehrer deutlich über 30 ist und von sich behauptet, vorläufig noch über einigen Verstand zu verfügen, hält er sich für einen Realisten. Er weiss deshalb, dass Schülerinnen und Schüler den Unterricht nicht stets konzentriert mitverfolgen.

Wenn es aber im Unterricht zu Gesprächen kommt, bei denen es um grundlegende humanistische Werte unserer Gesellschaft und im weitesten Sinne um den Zustand der Welt geht, dann trifft derselbe Geschichtslehrer auf hellwache junge Menschen, die Empathie aufbringen, viele Fragen haben und sich gedanklich einbringen wollen. Manche von ihnen haben sogar Wege gefunden, sich ganz konkret für eine bessere Welt einzusetzen.

Kürzlich hat der Schriftsteller Navid Kermani in einem Interview gesagt, als „eingefleischter Kulturpessimist“ erlebe er das Gespräch mit Jugendlichen als ermutigend. Da hat er Recht! Wen also zuweilen der Kulturpessimismus übermannen sollte, der stelle sich der gedanklichen Auseinandersetzung mit jungen Menschen. Kermani meint, das gebe Kraft.