Spiel mit Wörtern

von Evelyne Balsiger (Foto: Nu)

Ein Höhepunkt eines jeden Unterrichts ist der Aha-Effekt. Wenn wir im Lateinunterricht über Etymologie, die Herkunft von Wörtern, und über die Verwandtschaft von Sprachen diskutieren, lässt sich dieser Aha-Effekt oft beobachten. Appetit heisst „er strebt nach etwas“. Wonach? Aha, nach Nahrung! Deficit heisst „es fehlt“. Was? Geld natürlich.

Bereits in der ersten Klasse des Gymnasiums können Latein-Lernende, auch wenn sie nicht Spanisch sprechen, einen leichten spanischen Text verstehen, weil sie viele Vokabeln aus dem Latein herleiten können. Bei einem italienischen Text geht dies noch schneller, denn wie alle romanischen Sprachen sind Spanisch und Italienisch Töchter des Lateins. Da auch fast alle anderen europäischen Sprachen miteinander verwandt sind, lassen sich ganze Wortketten bilden: néos – novus – nuovo – nuevo – neuf – new – nieuw – novyy – neu.

Manchmal wurde der umgangssprachliche lateinische Begriff zum korrekten hochsprachlichen Wort in der romanischen Sprache: „Kopf“ heisst auf Lateinisch caput, aber in der Volkssprache testa, was eigentlich „Tonkrug“ oder „Scherbe“ bedeutet. Da sich die romanischen Sprachen aus der Sprache des einfachen Volkes entwickelten, wurde aus der testa, der Scherbe, auf Französisch das korrekte Wort für Kopf: tête. Das S ist als accent circonflexe auf das E gesprungen. Auf Italienisch heisst der Kopf immer noch testa. Und was wurde aus caput? Das Kapital zum Beispiel, die Hauptsumme, oder die Kapitale, die Hauptstadt. Auch „Kopf“ stammt aus dem Lateinischen, aber nicht von caput, sondern von cupa, „Trinkschale“.

Fast von jedem lateinischen Wort lässt sich die Verwandtschaft zu Fremdwörtern und zu Vokabeln anderer Sprachen herleiten, womit wir wieder beim Aha-Effekt wären. Efficit heisst übrigens „es bewirkt etwas“.