Der Preis der Wahrheit 

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von Céline Acklin (Fotos: Daniel Nussbaumer)

Dunkle Wolken ziehen auf, als ich mich dem Gymnasium Muttenz nähere, dem Schauplatz des Theaterstückes „Ein Volksfeind“, das von der Theatergruppe Rattenfänger neu inszeniert und als Freilichttheater aufgeführt wird. Es erstaunt, wie gut die Rattenfänger den Platz in einen Auftrittsort verwandelt haben, als würde er zur Schule gehören und wäre schon immer ein Teil davon gewesen. Und doch ähnelt die Szenerie nicht einem gewöhnlichen Theater. Es fühlt sich viel lebendiger an, als wäre man wahrhaftig am Ort des Geschehens und auch selber ein Teil davon. Doch diese Lebendigkeit birgt auch ihre Tücken, denn schon bald fängt es leicht zu regnen an und die Leute werden nervös.

Die Muttenzer Theatergruppe „Rattenfänger“ hat sich des Stücks von Henrik Ibsen angenommen, hat es modernisiert und der ein wenig in die Jahre gekommenen Geschichte neuen Schwung verliehen. Frauen sind in höherer Anzahl vertreten als im Drama von Ibsen. Auch die Figurengruppe ist umgestellt: Buchdrucker Aslaksen wird von einer Frau verkörpert und gleich zur Chefredaktorin des „Volksboten“ gemacht, während Redakteur Hovstad zu ihrem Praktikanten degradiert wird. Billing ist in der Originalversion ebenfalls ein Mitarbeiter des Blattes und tritt im Theaterstück als Bürgermeisterkandidatin und Oppositionspolitikerin auf. Der opportunistische Charakter der Figur bleibt von diesem Funktionswechsel unverändert. Die Versammlung, an der die direkte Konfrontation stattfindet, weicht dem Hass in den Social Media.

Ibsens gesellschaftskritisches Drama spielt in einem norwegischen Dorf, das sich gerade in einer wirtschaftlichen Blütezeit befindet. Durch ein neuerbautes Badehaus erfreut sich die Gemeinde erhöhter Landpreise, vieler Touristen und einer Geldquelle, die die Gemeindekasse klingeln lässt. Das Idyll scheint perfekt, bis der Badearzt Dr. Stockmann (gespielt von Daniel Fabian), ein Bewohner des Dorfes, einen Umweltskandal aufdeckt. Das Grundwasser ist von einer alten Gerberei verseucht. Dieser Skandal gefährdet das Badehaus und seine Besucher. Mit seinem Bericht über die Zustände möchte Thomas Stockmann (Peter Wyss) an die Öffentlichkeit und sucht sich Hilfe beim Volksboten, der Zeitung in der Region. Dort stösst er zuerst auf grosse Unterstützung. Doch als sein Bruder Peter Stockmann, der Bürgermeister des Dorfes, von der Sache Wind bekommt, versucht er Thomas mit allen Mitteln aufzuhalten, denn er fürchtet um den neu erlangten Wohlstand und den guten Ruf seines Dorfes. Bevor der Artikel gedruckt wird, gelingt es Peter Stockmann, die Leute auf seine Seite zu ziehen und den Badearzt als Gefahr für die Allgemeinheit anzuprangern. Dieser weigert sich jedoch die Sache zurückzuziehen und macht sich so zum Volksfeind des ganzen Dorfes. Die Lage spitzt sich immer mehr zu. Stockmann selber und seine Familie werden von den Dorfbewohnern bedroht. Sie wollen Stockmann zum Schweigen bringen.

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Zurück in das Jahr 2018 ins verregnete Muttenz an einem Mittwochabend. Danny Wehrmüller, der Theaterdirektor, tritt vor das Publikum und strahlt das schlechte Wetter weg. Er analysiert optimistisch die Wetterlage, und sofort fängt es in Strömen zu regnen an. Die Zuschauer retten sich ins Trockene. Kurze Zeit sieht es so aus, als müsste die Vorstellung abgesagt werden. Jedoch zieht der Regen vorbei und das Glück scheint wieder auf der Seite des Theaters zu sein. Nachdem sich alle in Regenmäntel gehüllt haben, erlöschen die Scheinwerfer und die Bühne ist in Dunkelheit getaucht.

Dunkle Gestalten betreten den Platz und fangen an auf Blechfässern zu trommeln. Untermalt von den Trommelklängen berichten sie als „Ouvertüre“ vom Umweltskandal rund um die Deponie Feldreben in Muttenz. Diese wurde 1918 eröffnet und 1936 als Mülldeponie für Haus- und Gartenabfälle genutzt.  Ab 1940 diente sie der Basler Chemie zur Entsorgung von Chemiemüll. Nach einem Jahrzehnt verbot man diese Praxis. Es folgte die Endauffüllung durch Schutt und das Zubetonieren des Geländes, das später vom Gewerbe genutzt wurde. Seither lagern die Giftfässer im Untergrund und drohen die Trinkwasserversorgung der Stadt Basel im Hardwald zu verschmutzen. Das Amt für Umwelt und Energie beurteilte die Deponie als sanierungsbedürftig. Jedoch lehnte die Gemeinde Muttenz eine nur unvollständige Sanierung ab. Das Urteil, was mit der Deponie geschieht, liegt nun in der Hand des Kantonsgerichts. Die Rattenfänger behandeln den Umweltskandal in zwei gespielten Gerichtsverhandlungen. Eine große, schlaksige, anmutige Frau und ein kleiner, älterer Herr liefern sich, unter wachsendem Interesse der Zuschauer, ein hitziges Wortgefecht darum, ob man die Deponie total ausbaggern und rückbauen soll oder ob man sie nur besser abdichten muss.

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Nach diesem Spektakel folgt das eigentliche Ibsen-Stück. Das Licht offenbart ein riesiges Plakat, auf dem eine Welle prangt. Sonst ist die Bühne eher schlicht gehalten. Giftfässer stehen als Tische auf der Bühne. Die Fässer tauchen im Verlaufe des Stückes als Tisch, Stuhl, Sofa und viele andere Möbel wieder auf. Die Farben sind auf Grün und Blau reduziert. Das grosse Plakat ändert sich in den nächsten Szenen stetig. Einmal zeigt es eine Großaufnahme von Bakterien. Im Verlauf der ersten Szene betreten fast alle Figuren die Bühne. Frau Aslaksen, die Chefin des Volksboten, stöckelt ins Bild hinein. Ihre Erscheinung ist beeindruckend. Ihre großgewachsene Gestalt, ihre elegante Garderobe und ihr perfekt geschminktes Gesicht lassen alle um sie erblassen. Natalie Müller spielt ihre hochnäsige Art täuschend echt. Frau Stockmann und ihr Mann, der Badearzt, gehen mit ihren cremefarbenen und braunen Kleidern ein wenig unter. Auch ihre Rollen sind wie die Kleidung unauffällig und zurückgenommen. Die Tochter der Stockmanns, Petra, übernimmt den dominanten Part von ihrem Vater. Sie trägt lässige, moderne Kleider und mischt die sonst adrette Kleidung ein wenig auf. Ihre Rolle ist laut und aufmüpfig. Sie ist in dem Stück eine Schlüsselrolle, denn ihr ist zu verdanken, dass der Artikel von Herrn Stockmann auf etlichen Social-Media-Seiten veröffentlicht wird, was sich zu einem Eklat entwickelt. Durch die Anonymität des Internets bekommt sie einen riesigen Shitstorm ab. Hasskommentare sind an der Tagesordnung. Das haut auch die sonst taffe Petra um. Captain Horster, ein Unterstützer und ein Freund der Stockmanns, lockert mit seinen Sprüchen die Tragik auf und heimst einiges Gelächter des Publikums ein.

Die Inszenierung endet mit dem dramatischen Suizid der Chefredakteurin Aslaksen. Und dies ist zugleich die grösste Abweichung von der Textfassung. Bei Ibsen wird die Wahrheit unterdrückt, aber Dr. Stockmann wirft einen hoffnungsvollen Blick in die Zukunft. Bei den Rattenfängern macht die Presse am Schluss endlich ihren Job und bringt die Wahrheit ans Licht, aber die Chefredakteurin büsst dafür, dass sie so lange mit der Lüge kooperiert hat. Ihr Tod ist ein Sinnbild des Drucks in der Gesellschaft, der durch alle Zeiten der Geschichte existiert und vor niemandem Halt macht. Die grauen Wolken haben sich verzogen, der Regenschauer ist vorbei. Was bleibt, ist eine dunkle, kühle und nasse Atmosphäre – und das Chemiegift im Boden. Dieses Ende hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack, hoffentlich nicht im Trinkwasser.