Digitaler Schwimmunterricht in H2O

von Thomas Fiedler

Von einem Tag auf den anderen geht die Schule zu und sämtliche Schüler*innen strampeln im kalten Gewässer des digitalen Fernunterrichts herum. Vor allem für Klassen, die bisher noch kaum digitalen Schwimmunterricht erhalten haben, ist das eine Herausforderung, so auch für die 1Eb. Da fängt die Chemie-Lehrperson (ich) gut gemeint, aber wild mit Programmnamen wie «Teams», «OneNote» und «Sharepoint» um sich zu werfen. Wo das eine aufhört und das andere anfängt, ist meist nicht ganz so klar. Die Tatsache, dass «One Note» mit deutschsprachigen Augen als «ohne Note» interpretiert werden könnte, ist da auch nur schwacher Trost, selbst wenn es unsere Situation äusserst treffend zu beschreiben scheint. Zufall?

Die Arbeit mit OneNote gestaltet sich anfangs jedenfalls schwierig, Fragezeichen und Ausrufezeichen verschiedenster Art und Couleur lassen den Chat heisslaufen:

«…ich kann momentan keinen der beiden Ordner öffnen! Darf man die Aufgaben auch später lösen?»

«Können Sie in Zukunft Word-Dokumente bereitstellen? Da es momentan etwas schwer ist zu schreiben und es mühsam formatiert.»

«Wie kann man die Aufgaben bearbeiten? Ich weiss nicht, welchen Ordner Sie meinen!»

LP: «Bitte schreiben Sie nächstes Mal nicht in Weiss!»
Schüler: «Ou ok, aber als ich die Aufgaben gelöst habe, war es schwarz (ich musste immer von Weiss auf Schwarz umstellen) und bei mir ist es gerade auch in Schwarz…»
Hilfreiche Schülerin: «Das liegt am Dark-Mode bei OneNote. (Kann man bei „Ansicht“ -> „Hintergrund wechseln“ ändern)»

Kaum findet sich die Klasse allmählich mit OneNote zurecht, juckt es mich schon wieder in den Fingern. Schwuppdiwupp fördere ich aus dem unendlich grossen Sandkasten Internet ein digitales Spielzeug nach dem anderen zu Tage. Wie stelle ich bloss sicher, dass der Klasse klar ist, wie mit den ganzen Ressourcen umzugehen ist?

Ganz einfach. Neuerdings fertige ich Videos an, in denen ich Klick für Klick das Vorgehen erkläre! Wie oben das Beispiel, in dem ich erkläre, wie die Schülerinnen und Schüler mit einem gratis Online-Tool Molekülmodelle anfertigen können. Das ist praktisch, denn so einen Molekülbaukasten hat ja nicht jeder zu Hause rumliegen. Für die Lernenden haben Videos natürlich noch weitere Vorteile. Wenn ich zum zigten Mal etwas repetiere, das sie schon lange kapiert haben, können sie einfach etwas vorspulen. Schnell was notieren, was zu trinken holen, oder kurz aufs Klo? Dank Pausenknopf kein Problem. Ging’s zu schnell? Kuck’s nochmal! Spreche ich zu langsam? Einfach Wiedergabegeschwindigkeit erhöhen, um in den Koffein-Überdosis Modus zu gelangen!

Das Video über Molekülmodelle hat offenbar bei der Klasse Anklang gefunden, fast alle haben ein paar schöne 3D-Strukturen angefertigt und diese sogar am richtigen Ort in OneNote platziert. Ich strahle! Doch bei genauerem Hinsehen merke ich: Vor lauter technischer Details ist die Chemie wohl etwas auf der Strecke geblieben, manche Strukturen muten geradezu fantastisch an. Oder sieht Wasser etwa so aus wie unten abgebildet?

Halb so wild, ich bin zuversichtlich, es gibt wohl keine Missverständnisse, die sich nicht mit einem guten Erklär-Video aus dem Weg räumen liessen!

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Rot = Sauerstoff (O), Weiss = Wasserstoff (H)