Du und die Musikklasse

20200612-1199

von Daniel Nussbaumer (bla-bla und klick-klick)

Du hast sie vier Jahre lang in Deutsch unterrichtet, ihnen beigebracht, dass sie Hauptsätze machen sollen statt viele Nebensätze und dass Adjektive stinken. Du hast gestaunt, wie offen sie auf das zugehen, was du eher als schwierige Literatur bezeichnen würdest. Du hast viele Auftritte von ihnen fotografiert, mit ihnen gebloggt, und mit der Zeit hast du geplant: Die lässt du an der Matur alle durchfallen, damit du sie noch ein Jahr länger unterrichten darfst. Das wär mal was: Deutsch als knallhartes Selektionsfach!

Dann kam Corona und die waren alle nur noch virtuell da. Aber die lassen sich nicht unterkriegen. Wollen nicht sang- und klanglos von der Bildfläche verschwinden. Die laden zum „Last Stage“ ein. Gleich zwei Abende. Okay, da gehst du hin. Weil eine von denen nett fragt, nimmst du auch die Kamera mit. Du gehst rein in die Aula Polyfeld, wo du einen Tag vorher einen Lehrerkonvent hattest, denkst: Nun ja, ein stimmungsvoller Raum ist es ja noch nie gewesen trotz Next-Level-Name, aber wird sicher nice trotz Bestuhlung mit Abstandsregel. Kann anfangen. –

Und dann hauen die dich mit den ersten gesungenen und gespielten Tönen in die Seile und du hast Mühe, die Kamera gerade zu halten. Was ist das denn?! Es ist der erste Abschiedsabend von denen, die keine Musik-Matur mit Rezitals machen durften. Am Montag, dem 15. Juni, verklingen beim zweiten Teil des „Last Stage“ die letzten Töne unserer Musik-Maturand*innen 2020 am Gym Muttenz. Und am Dienstag dann bekommen die also ihre Zeugnisse. Wenn du nicht alles in Du-Form geschrieben hättest, würdest du jetzt singen: „Piangerò la sorte mia.“ Aber den Belcanto überlässt du denen, die es wirklich können.