„Frog dr Urs Martin!“

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von Timo Kröner und Daniel Nussbaumer (Fotos: Nu)

„Frog dr Urs!“ oder „Froge Si dr Herr Martin!“ – wer diesen Satz noch nie gesagt hat, der hat nie am Gymnasium Muttenz unterrichtet und war auch nie in leitender Position an einem anderen Baselbieter Gymnasium. In 23 Jahren hat der Konrektor Urs Martin insgesamt 18‘280 mündliche und schriftliche Maturprüfungen organisiert, 10‘968 Experten angefragt, 43‘872 Maturanoten eingetragen und 3‘656 Maturazeugnisse erstellt. Am Tag, als er den Schulschlüssel abgegeben hat, haben wir ihn zum Interview getroffen.

Entfalter: Du hast in deiner Lehr- und Leitungstätigkeit mehrere Jahrzehnte Jugendliche erlebt. Was hat dir die Arbeit mit Jugendlichen gegeben? Welchen Eindruck von der Jugend hast du bekommen?

Urs Martin: Für mich ist bei der Arbeit mit den Jugendlichen wichtig, dass ich von ihnen sehr viel zurückbekommen habe. Natürlich habe ich auch viel gegeben, es hat Kraft und Energie gebraucht. Es hat vor allem aber auch Momente gegeben – in Theatervorstellungen, an Sportanlässen –, in denen deutlich geworden ist, was für Fähigkeiten, was für Ressourcen die Jugendlichen haben, wenn sie etwas packt. Das hat mir sehr viel zurückgegeben, auch im Hinblick auf Enttäuschungen und den Frust, den ich auch erlebt habe, vielleicht in einer Mathestunde, in der meine Begeisterung nicht auf die Schüler übergeschwappt ist. Das hat mich bei der Arbeit mit Jugendlichen immer beeindruckt: die Jugendlichkeit, die Unbelastetheit, die sie im Alltag mitgebracht haben. Das unterstützen zu können war etwas Tolles. Es gab auch immer wieder Jugendliche mit Biografien, die nicht so einfach waren und bei denen es erstaunlich war, dass sie den Weg an die Schule überhaupt gefunden haben. Wenn das zu einem guten Ende gefunden hat, dann war das vor allem auch für mich als Schulleiter etwas Tolles.

Es gibt ja sehr viele Meinungen über die Jugend: Die Jugend ist so oder sie ist so. Wie ist sie denn? Hat sie sich verändert?

Die Jugend hat sich sicher durch die Digitalisierung verändert. Das zeigt sich daran, dass das Klima in den Schulzimmern ein anderes geworden ist: Man packt kaum mehr in der Pause die Jass-Karten aus und setzt sich zu viert an einen Tisch. Stattdessen läuft vieles stumm oder unsichtbar für die Lehrpersonen ab. Ich finde, da ist etwas an Kontaktmöglichkeiten verloren gegangen, womit wir neu umzugehen lernen müssen. Weiterhin ist bei der Jugend mittlerweile ein grosser Pluralismus da, die Ju-gendlichen bringen aus ihren Elternhäusern ganz verschiedene Meinungen mit, von daher ist es sehr schwierig, von «der» Jugend zu reden.

20170831-1005242Du hast jetzt das Gymnasium Muttenz verlassen. Was aus dieser Zeit war so schön oder gut, dass du es gerne noch einmal erleben wolltest?

Ich habe viele Reisen mitgemacht, und das war für mich auch etwas sehr Wertvolles und Bereicherndes. Meine erste Maturreise, wie die Bildungsreise damals noch geheissen hat, hat in Mulhouse geendet, weil die französische Bahn gestreikt hat. Wir sind die Nacht durchgefahren und dann morgens um vier Uhr in Mulhouse am Bahnhof gestanden und mussten warten und schauen, wie es weitergeht. Für mich fangen die Reisen dann richtig an, wenn alles danebengeht und man spontan reagieren muss. Solche Situationen habe ich immer geschätzt. Dann sieht man, wie die Leute funktionieren: Wie ist es, wenn die Reservation nicht mehr klappt, wenn man sieben Stunden auf dem Gang stehen oder sitzen muss? Man muss zusehen, dass man auf irgendeine Art ans Ziel kommt. Manchmal entgleist dann die Stimmung und man muss die Leute wieder aufbauen. Aber grundsätzlich haben alle, die so etwas überstanden haben, einen gewissen Stolz, dass es doch gut gegangen ist.

Was macht einen guten Lehrer, eine gute Lehrerin aus? Was ist guter Unterricht?

Guter Unterricht bedeutet, dass sich die Lehrperson so weit wie möglich zurücknimmt und zulässt, dass die Lernenden möglichst viel Aktivität entwickeln können – in den 45 Minuten einer Lektion. Ich hätte dieses enge Zeitgefäss gerne einmal aufgemacht und grössere Sequenzen zugelassen. Aber ich glaube, dass man eine Qualität von Unterricht sicher daran messen kann, inwieweit Aktivität von Schülern möglich und vorhanden ist. Dann muss der Unterricht klar strukturiert sein, die Schülerinnen und Schüler müssen wissen, in welchen Phasen sie gerade arbeiten. Der Unterricht braucht auch einen gewissen Spannungsbogen, so dass sie bis zum Ende dranbleiben können.

Gibt es auch inhaltliche Kriterien für einen guten Unterricht?

Normalerweise sollten die Schüler Berührungspunkte vom Stoff mit ihrem Alltag, mit ihrem Umfeld finden können. Das kommt natürlich sehr auf das Fach an. Es gibt auch Fächer, die sehr abstrakten Stoff weitergeben müssen.

Das sagst du als Mathe-Lehrer!

Ich könnte tatsächlich mit Schülerinnen und Schülern in einem dunklen, schwarzen Raum sitzen und wir könnten dort miteinander Mathematik treiben, ohne dass ich irgendein Medium bräuchte. Da bin ich ganz Platoniker. Ich könnte von einer roten Ebene erzählen, die wir uns vorstellen würden, und dann hätten wir eine zweite, blaue dazu, und dann würden wir uns überlegen, was wir da sähen, und nähmen eine dritte Ebene dazu. Es ist ja eine der grossen Fragen in der Mathematik, ob sie «herausgefunden» wird oder ob sie schon immer in uns angelegt ist. Ich denke, dass es viele Hinweise darauf gibt, dass verschiedene Kulturen die gleichen Strukturen entdeckt haben.

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Welche Fähigkeiten brauche ich als Lehrperson, um das, was du geschildert hast, in einem dunklen Raum entstehen zu lassen, auch wenn es keinen Bezug zum Leben der Schüler hat?

Ich glaube, es gibt diese Momente, wenn man sein Fach mit Begeisterung weitergeben kann. Der Funke dieser Begeisterung kann dann überspringen, wenn ich als Lehrperson Freude an meinem Fach habe. Natürlich ist nicht jede Mathematik-Stunde so abgelaufen! Aber es gibt solche Momente, in denen man selbst als Lehrperson merkt: Es läuft, jetzt denken wir gemeinsam in einem Thema, bei dem auch die Jugendlichen merken, dass es spannend ist, dass es ihnen nicht verborgen ist, sondern dass sie daran selbstständig weiterdenken können.

Was macht deiner Meinung nach eine gute und wirksame Bildungspolitik aus?

Schule ist ein relativ träges Gebilde. Es gibt darin grosse Kräfte, die bewahrend wirken. Daher ist es nicht ganz einfach, in der Schule Veränderungen zu erzeugen. Ich habe es immer wertvoll gefunden, wenn die Schule Zeit und Raum hatte, die grundsätzlichen Fragen zu diskutieren. Dann sind wir über Fachschaftsgrenzen hinweg ins Gespräch miteinander gekommen. Man sollte regelmässig solch eine Arbeit machen und etwas Zentrales finden, worüber man diskutieren kann – nicht im Glauben, dass man sich wirklich einigen könnte, aber der eine nimmt das eine mit, der andere das andere. Wir sind aber als Schule zu breit aufgestellt, um ein enges Konzept für uns zu entwickeln, das stimmig ist und mit dem wir arbeiten könnten.

Welche Vorgaben soll man der Schule machen?

Die Lehrpersonen brauchen eine grosse Freiheit in der Gestaltung von Unterricht. Wenn wir uns fragen, was wir den Schülern mitgeben, wenn sie von der Schule gehen, dann ist sicher ein wichtiges Ziel die Studierfähigkeit. Aber Studierfähigkeit beschreibt den Zustand eines Jugendlichen auf einem sehr hohen Niveau, das unabhängig ist von einzelnen Inhalten, die im Unterricht behandelt werden oder nicht. Wenn man fragt, was die Schüler von uns mitnehmen sollen, dann ist das neben der Studierfähigkeit die Sprachkompetenz, die Schüler sollen ferner Texte verstehen, logisch denken, argumentieren und vernetzt denken können. Wichtig ist das Klima, das wir schaffen, das Vertrauen, das wir in den Jugendlichen bilden, dass das, was sie an der Schule erleben und lernen, sie dazu befähigt, später damit weiterzugehen.

20170831-1005262Was sollte deiner Meinung nach die Bildungs- und Kulturdirektion machen, damit wir gut arbeiten können?

Die Schule braucht eine gewisse Autonomie, so wie wir sie beim Selbstlernsemester bekommen haben. Ich glaube, dass wir gerade bei diesem Projekt recht viel Gestaltungsfreiraum haben. Mit Blick auf die finanziellen Mittel bin ich unglücklich über die Finanzen des Kantons, aber das betrifft nicht nur die Schule, sondern alle Kantonsangestellten. Da bekommen wir wenig Anerkennung, gerade wenn man die ständigen Lohneinbussen und die Kürzungen der Pensionskassen anschaut. Ich bin froh, dass sich das im Schulalltag nicht so auswirkt, dass Lehrpersonen dadurch demotiviert wären oder sagen: «Wenn das so ist, dann mache ich auch weniger.» Im Gegenteil, sie können das auseinander halten und machen ihre Arbeit immer noch mit grossem Einsatz und grosser Begeisterung – unabhängig von den Dingen, die politisch um sie herum laufen. Aber das sind Entwicklungen, die auf die Schule drücken und längerfristig sicher auch Konsequenzen haben werden.

Wie haben sich aus deiner Sicht die Erwartungen der Gesellschaft (und damit der Eltern und Schüler) an die Schule verändert?

Ich habe zu Beginn meiner Tätigkeit als Schulleiter eine Zeit erlebt, in der wir praktisch nur Jugendliche aus bildungsnahen Elternhäusern hatten. Das hat sich in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren stark gewandelt. Wir haben jetzt vermehrt eine breiter aufgestellte Schülerschaft, die auch aus Elternhäusern kommt, die selbst den Bildungshintergrund nicht haben und die Jugendlichen weniger gut unterstützen können. Aber wir können diese Jugendlichen durch die Schule führen – das ist eine Entwicklung, die mich freut! Etwas Anderes ist die grosse Mobilität in der Welt, wodurch Jugendliche zu uns kommen, bei denen ich auch nicht immer wusste, was ich machen soll. Diese Jugendlichen waren bildungsfähig, aber ihnen haben gewisse Grundlagen gefehlt, meist sprachlicher Art. Ein Beispiel war ein junger Inder, der über einen Familiennachzug in die Schweiz gekommen ist. Er hat mich vor Jahren im Mai angerufen und gefragt, ob er hier an die Schule gehen könne. Er konnte am Telefon kaum Deutsch. Ich musste ihm sagen, dass er ohne Deutsch nicht an die Schule kommen könne. Dieser Schüler hat dann Ende Sommerferien noch einmal angerufen und hatte sich mittlerweile Deutsch in erstaunlich schneller Zeit angeeignet, indem er via Internet Deutsch gelernt hatte. Dann kam das zweite Problem: das Französisch, was er auch nicht konnte. Er hat dann ein zusätzliches Jahr gemacht, schlussendlich die Matura bei uns bestanden und im Anschluss erfolgreich Medizin studiert. Solche Zugänge hatten wir in der Folge immer wieder, und nicht in jedem Fall hat es geklappt. Wer zum Beispiel von Berlin oder Wien hierherzog und vorher kein Französisch hatte, schaffte dann die Matur hier nicht. Unser Bildungssystem ist hierin eben starr und verlangt auch die zweite Landessprache.

20170831-1005258Inwiefern hat sich durch die Digitalisierung der Fachunterricht verändert und müssten heute nicht alle programmieren lernen?

Wir müssten den Jugendlichen die Fähigkeit mitgeben können, dass sie sich ohne Ängste rasch orientieren und in eine Progammierumgebung einarbeiten können. Wir dürfen uns dabei nicht täuschen. Wir haben manchmal das Gefühl, sie könnten alles. Sie bewegen sich aber in engen Grenzen in ihrem Alltag und brauchen auch Hinweise von uns, die über das hinausgehen, was sie schon kennen. Einzelne Jugendliche können wirklich schon sehr viel in diesem Bereich, sind manchmal auch Lehrpersonen überlegen. Über jüngere Lehrpersonen, die in dieser Umgebung aufgewachsen sind, wird die Digitalisierung stark einwirken in den Unterricht. Es kommt wohl die Zeit, in der jeder Lernende sein eigenes Gerät dabei hat. Das wird sich nicht nur in Mathematik, sondern auch in vielen anderen Fächern auswirken. Ich als Vertreter einer älteren Generation merke, dass ich das Wissen gerne noch in mir habe und nicht nur auf einem externen Speicher mittragen möchte. Ich kann an die hundert Telefonnummern auswendig. Das ist für viele ein völlig nutzloses Wissen, das ja überall gespeichert und greifbar ist.

Wird eigenes Wissen unwichtig werden?

Man muss vernetzt denken können. Wenn ich mehr Wissen habe, ist der Zugang ein anderer. So kenne ich die Flora der Alpen relativ gut. Auf den Wanderungen mit meinen Eltern haben wir immer Pflanzen angeschaut und zu Hause noch nachgeschaut und deren Spezies bestimmt. Hat solch ein Wissen noch einen Wert oder nicht, wenn ich ein Gerät mit mir herumtrage, mit dem ich einfach ein Foto von einer Pflanze machen kann und das mir dann sagt, welche Pflanze das ist? Wenn ich ein Panorama anschaue, sagt mir das Gerät, dass ich vor dem Matterhorn stehe. Die Begeisterung dafür, sich in einem Gebiet gut auszukennen und viel zu wissen, wird abnehmen. Die Welt wird sich in eine andere Richtung entwickeln. Davon bin ich überzeugt.

Du hast nicht nur unterrichtet und die Schule mitgeleitet, sondern dich auch sozial engagiert. Warum hast du das gemacht? Was hat das dir und der Schule gegeben?

Für mich waren in unserem Engagement immer zwei Aspekte wichtig: Wir helfen zum einen nach aussen und zum anderen gewinnen wir in der Schule einen Mehrwert. Das gibt uns nicht nur das gute Gefühl, dass wir etwas für die Berghilfe oder für Leute in der Ukraine gemacht haben. So ein Mittagessen im Foyer braucht eine gemeinsame Organisation. Lehrpersonen und Lernende arbeiten zusammen und sitzen dann gemeinsam an einem Tisch. Das habe ich wichtig gefunden für das soziale Leben in der Schule. Gleichzeitig wollte ich den Schülern auch zeigen, dass wir als Schule der Welt gegenüber in einer Verantwortung stehen.

Wenn man dich im Alltag erlebt hat und wenn man an die Schule kommt, denkt man, das Velo und das Gymnasium Muttenz bilden eine untrennbare Einheit. Welche Bedeutung hat das Velofahren für dich?

Das Velofahren war für mich der Einstieg in den Tag. Ich bin im Vergleich zu den anderen zwar eine Stunde zu früh aufgestanden, konnte dann aber durch die Natur fahren und dabei selber langsam aufwachen. Ich konnte überdenken, was mich an diesem Tag erwarten würde. Ich kam dann jeweils frisch und vorbereitet in der Schule an. Auf dem Nachhauseweg hat es jeweils geholfen, irgendwo den Hang hinaufzubeissen und so das Erlebte zu verarbeiten. Diese Phase von einer Dreiviertelstunde bis einer Stunde half mir, das eine hinter mir zu lassen und mich auf das andere einzustellen. Ich war aber schon immer ein Bewegungsmensch.

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