Liebesdrama im Stahlbeton

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von Timo Kröner (Fotos und Video: Daniel Nussbaumer)

Der 17. Februar ist ein Sonntag, an dem schon frühlingshaftes Wetter herrscht. Die Abendsonne taucht die brutalistische Katholische Kirche in Muttenz in ein Kleid aus langen Schatten. Die Lichtstimmung könnte23 also fast nordafrikanisch sein, wie die Liebesgeschichte zwischen der karthagischen Königin Dido und dem griechischen Helden Aeneas, der mit Beginn der Handlung gerade aus dem trojanischen Untergang geflohen ist.

Henry Purcell (1659 bis 1695) siedelt seine tragische Oper ganz nahe beim Mythos an. Denn mit dem Untergang Trojas beginnt auch der Niedergang Didos. Sie wird sich in den schicken Aeneas unsterblich verlieben. Doch wie es in den antiken Stücken so ist: Die Tragödie bläst den schwarzen Hauch des Todes in die Seele der Dido. Die böse Zauberin sendet einen Geist, verkleidet als Merkur, aus, um Aeneas im scheinbaren Auftrag Jupiters zur Gründung Roms abzuberufen. Dido erträgt den Schmerz dieses Verlustes nicht und ersticht sich mit einem Schwert, das Aeneas ihr geschenkt hat.

Dementsprechend pendelt die Oper zwischen heiteren und traurigen, verzweifelten Momenten. Hier die sehnsüchtige Dido und ihr Hof, der sich mit Handys, Geselligkeit und Jagd beschäftigt; dort die Zauberin und ihre Hexen, die den Liebenden die Liebessuppe kräftig versalzen. Während Dido zu Beginn von ihrer Dienerin Belinda (Julia Kunz) schön gemacht wird, ist der Innenraum der Katholischen Kirche Muttenz in ein warmes Licht getaucht. Doch als zu Beginn des zweiten Aktes die Zauberin auftritt, leuchtet sie nur eine kalte Taschenlampe an, so dass ihr riesiger Schatten auf den liturgischen Schmuck fällt.

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Grundlage für dieses perfekte Spiel der Stimmungen und Emotionen ist das Zusammenspiel der Akteure (Regie: Barbara Schneebeli, Jürg Siegrist). Allen voran beeindrucken Dido (Helena Bühler) und Aeneas (Lenard Fasnacht), die mit ihren kraftvollen und präzisen Stimmen den Kirchenraum zu erfüllen vermögen. Doch auch die anderen Rollen fügen sich höchst stimmig ins Bild: Die Zauberin (Luca Gotti) mit ihrem faustischen Auftritt und ihre beiden Hexen (Fiona Vogel, Maíra Zaugg) mit ihren fiesen Verführungskünsten sind genau der richtige Gegenpart zu den romantisch Liebenden. Und der Kammerchor! Wie Marionetten wird er von den grossen Gefühlen der Hauptfiguren durchschüttelt und gleichzeitig stürzt er sie mit ins Unglück, als er die Intrige der Zauberin mitträgt – und unter weissen Masken zu einer gesichts- und gefühlslosen Masse wird. Das Weiss der Masken und der Handschuhe wirkt vor den grauen Mauern der Kirche umso bedrohlicher.

Eine von Hexen angezettelte Intrige bringt das Liebespaar auseinander.

Überhaupt ist diese Kirche ein spannender Ort für so ein Stück. Die Betonkonstruktion erschafft im Inneren viele Gegensätze. Die Wände reflektieren das Licht (Jonathan Ruf), dämpfen es aber auch. Manche Wände sind hell beleuchtbar, Ecken der Decke wiederum bleiben immer dunkel. So verwundert es nicht, dass Aeneas genau in ein solch dunkles Eck seine Klage gegen Jupiter schmettert – als sässe der dort höchstpersönlich.

Und nicht nur das Licht spielt bei dieser Inszenierung eine Rolle. Bevor die Akteure die Bühne betreten, leuchtet das hellblaue Cembalo die dunkle Orgel dahinter an. Während der Chor in Schwarz gekleidet ist, wird Dido ein blau-rot schimmerndes Kleid umgelegt. Und als Aeneas auftritt, um Dido seine Aufwartung zu machen, nimmt seine rote Rose diesen Farbschimmer des Kleides auf und überleuchtet alle anderen Farben. Genau in diesem Moment zeigt sich auch das Potenzial dieser Barock-Oper für unsere heutige Zeit. Der Chor fühlt und fiebert nicht nur mit, wie es seine Aufgabe ist. Die schöne Dido wird auch von unzähligen Handys fotografiert. Die Herzen, die die Bilder auf einer Social-Media-Plattform bekämen, werden hier als herzförmige Luftballons verteilt – und missbraucht, denn die Dienerinnen der Zauberin werden sie später dem Chor verteilten, auf dass ihre Intrige gelingen möge.

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Das Projekt unter der Leitung unseres Musiklehrers Jürg Siegrist zeigt, wozu Schülerinnen und Schüler unseres Kammerchors fähig sind. Doch das gelingt nicht ohne einen gut orchestrierten Rahmen. Zum einen ist da die wunderbare Begleitung durch das Orchester der Schola Cantorum Basiliensis zu nennen (Leitung: Christina de Noronha), dessen alte Instrumente den barocken Geist des Stückes vermitteln. Immer wieder sind die Klänge der Instrumente und die Stimmen der Sängerinnen und Sänger in einen wunderbaren Dialog getreten und ein Ton hat den anderen gegeben. Nicht nur solchen Momenten hat man die hervorragende Betreuung der Singenden durch Franziska Baumgartner, Felix Gygli, Barbara Schneebeli und Jean Christophe Goffe gemerkt.

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Der zweite Teil des Abends gehörte dem grossen Gym Chor unter der Leitung von Christoph Huldi, begleitet am Piano von Christine Boog. Nachdem das Publikum von der Oper in ein Wechselbad der Gefühle getaucht wurde, klingen im zweiten Teil nachdenklichere, auch heitere Töne an. Zudem befinden wir uns in der Gegenwart: Bob Chilcott ist ein zeitgenössischer Komponist und hat mit seinem Stück «Five Days that Changed the World» wichtigen kulturellen Ereignissen ein musikalisches Denkmal gesetzt.

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Zu der Erfindung des Buchdrucks trippeln die Stimmen der Sängerinnen und Sänger wie die Tiere aus dem Text durch den Klangraum. In den elegischen Klagen hallt das Leid der Opfer in die Abschaffung der Sklaverei hinein. Die Erfindung des Flugzeuges wird von den klaren Stimmen in den Himmel hinauf gesungen. Das Farbenspiel der Oper wird bei der Erfindung des Penicillins wieder aufgenommen, diesmal sind es das Grün und das Blau der Pilzkultur. Den hymnischen Abschluss bildet die Landung auf dem Mond. Als Zugabe singt Louis Jauslin «Human» von Rag ’n’ Bone Manund verursacht damit ein letztes Mal Gänsehaut an diesem gefühlsreichen Abend.


Zum Abschluss dieses Beitrags folgt hier noch eine optische Salve Emotionen aus „Dido and Aeneas“, abgerundet mit einigen zuckersüss gegifteten Koloraturen der beiden Hexen Fiona Vogel und Maíra Zaugg. Das reisst auch den Chorleiter Jürg Siegrist zu hörbarer Begeisterung in der Probe hin.

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