Der Landeplatz der Zukunft

Maturrede von Martin R. Dean (Video: Daniel Nussbaumer)

Liebe Maturandinnen und Maturanden,  

leider kann ich heute nicht direkt zu Ihnen sprechen. Dennoch hoffe ich, dass meine Worte Sie erreichen, auch wenn sie den Verlust, den Sie durch das Ausfallen der Maturfeier erfahren haben, kaum mildern können. Ihnen  fehlen die letzten Wochen Unterricht, die Sie noch einmal als Teil der Klasse hätten erleben können, auch die letzten Lektionen, in denen wir uns noch einmal begegnet wären. Ihnen fehlt mit der Abschlussfeier auch eine Zeitmarke, die sich im Gedächtnis eingräbt. Das alles macht das Abschiednehmen schwer. Denn jedes Fest stellt eine Vergegenwärtigung und zugleich eine Schwelle ins Neue dar.

Zum Abschiednehmen benötigen wir die Riten des Übergangs von einer Lebensphase zur nächsten, wie sie in fast allen Kulturen vorkommen. Für den französischen Ethnologen van Gennep gehören diese «Rites de Passage»  zum notwendigen Instrument der inneren Reifung. Abschiedsriten sind Schwellen der Verwandlung. Sie nehmen etwas von Ihrem alten Dasein mit und retten es hinüber ins neue.

So gesehen werden Sie noch lange Schüler und Schülerinnen bleiben, auch wenn Sie bereits im Student*innen- oder Berufsleben Fuss fassen. Wie Sie im Übrigen auch noch länger Kinder Ihrer Eltern bleiben werden. Und Sie werden diese gerettete Erfahrung für das neue Leben benötigen. Ein Abschiedsfest feiern heisst, für einen Augenblick auf der Schwelle verharren und zurück- und vorausblicken.

Trotz fehlendem Übergangsritus, meine ich, haben wir uns in dieser Coronazeit eine wichtige Fähigkeit erworben, nämlich zu improvisieren und zu experimentieren. Als Lehrer musste ich für den digitalen Unterricht Lernaufträge umformulieren und Diskussionsphasen durch schriftliche Reflexionsphasen ersetzen. Im Alltag haben wir uns auf eine täglich wechselnde Informationslage des BAG einstellen müssen. Kreativität war gefragt, wenn es darum ging, sich in den eigenen vier Wänden genügend Fitnessgelegenheiten zu verschaffen. Oder mit seinen Familienangehörigen, seinen Freunden und Bekannten in Kontakt zu bleiben, oder die Fernreisen durch Ausflüge in Naherholungsgebiete zu ersetzen. «Die letzten Wochen», sagte die oberste Lehrerin Silvia Steiner, «glichen einem grossen Feldversuch.» (NZZ)

Was war der Gegenstand des Feldversuchs? Wenn Sie mich fragen: die Zukunft. Möglicherweise werden uns die Krisen und damit die Unsicherheiten weiter begleiten. Weitere Pandemien, die Klimaerwärmung, die Migrationsbewegungen und wirtschaftliche Probleme liefern Stichworte für eine Instabilität, die zur längerfristigen Herausforderung wird. Der kluge Lebensmodus in Krisenzeiten aber ist nicht das Beharren, sondern die Beweglichkeit, das umsichtige Experimentieren.

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Wir haben in diesen letzten drei Monaten für die Zukunft geübt:  wir haben unsere Konsumgelüste und unser Fernweh reduziert. Wir haben, mit Daniel Kochs Stimme im Ohr, unserem Drang nach menschlicher Nähe und Wärme widerstanden, auch gegenüber unseren Grosseltern. Wir haben erlebt, wie wichtig Solidarität ist und wie schwierig sie über die Grenzen hinweg zu gewähren ist. Wir haben den Verzicht geübt und dessen wohltätige Dividenden kennen gelernt.

Dazu gehören für mich neue und intensive Erfahrungen in der Natur. Als wäre der Blick gereinigt vom täglichem Müll, erschienen mir die Apfel- und Kirschbäume im Baselland von nie gesehener Pracht; ein Schwan am Rheinufer konnte mich begeistern. Und ich habe die Vögel wiederentdeckt, ihr Zwitschern frühmorgens am leeren Himmel. Ich habe die Architektur der entvölkerten Städte gesehen und an ruhigen Tagen tiefer eingeatmet.

Für einmal mussten wir nicht «funktionieren», sondern waren einfach da und haben uns beim Leben zugeschaut.

Wann hatten wir das schon einmal gehabt?

Als der rasende Fortschritt zum Stehen kam, als der Galopp der Produktion und Konsumption für einen Moment zum Erliegen kam, ging eine Türe zur Zukunft auf.

Dieser lange Augenblick setzt eine Zäsur und wird uns in Erinnerung bleiben, auch wenn das Leben wieder zurück zur sogenannten Normalität drängt. Wenn Sie in zehn Jahren zurückschauen, werden Sie erkennen, dass sich im April, Mai und Juni 2020 eine Möglichkeit zur Korrektur der Zukunft aufgetan hat, wie wir sie kaum je hatten. Soll es mit der Modernisierung, dem Rohstoffverbrauch, der Globalisierung der Märkte und Menschen, dem Verkehr und dem Warenumsatz immer so weiter gehen? Also überall alles im Steigerungsmodus? Gibt es beim Projekt der Modernisierung auch Rückwärtsschlaufen? Brauchen wir jede Saison ein neues Handy, und tut’s das Leibchen, das wir gestern gekauft haben, nicht auch morgen noch? Das Tempo der heutigen Produktion, so der Berliner Philosoph Byung-Chul Han, nimmt den Dingen ihre Haltbarkeit und beraubt uns des Halts. Drei Monate lang haben wir dem Konsum mehr oder weniger  Einhalt geboten. Jetzt können wir fragen, ob wir nicht gerade in Krisenzeiten eine stabile Umgebung brauchen, Dinge, die uns vertraut werden und uns ans Herz wachsen. Dinge, die uns in der grossen Unruhe der Gegenwart ein Zuhause geben.

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Für mich liegt die Bedeutung dieses weltweiten Lockdowns im Bewusstsein, dass vieles auch anders gehen könnte, ja müsste. Den Moment des Innehaltens erlebte ich auch als einen Raum zurückgewonnener Freiheit. Wollen wir als Gesellschaft z.B. noch mehr Digitalisierung im Unterricht? Gerade eben haben wir erlebt, wie unverzichtbar ein Gesicht und ein Körper als Gegenüber ist. Und wie gespenstisch die Kommunikation über «Zoom» und «Teams» auf die Dauer wird.

Muss jetzt, nachdem das Virus von Wildtieren auf Menschen übertragen wurde, nicht auch unser Verhältnis zu den Tieren neu bewertet werden? Denn der Krankheitserreger ist das Ergebnis einer gestörten Ordnung zwischen Mensch und Tier. Wir haben die Tiere an den Rand gedrängt, als Wildtiere in Reservate gesteckt und als Nutztiere ausgebeutet; in Wuhan lebten Wildtiere mit Menschen auf engstem Raum zusammen und ermöglichen dadurch eine gefährliche Zoonose (Infektion von Tier auf Mensch). Einmal mehr ist es der Mensch, der die Grenze zur Natur überschritten hat, nicht das Tier.

Wenn Sie in die Zukunft schreiten, nehmen Sie all diese Fragen mit, denn Sie helfen Ihnen in der Entscheidungsnot. Wie es der Philosoph Walter Benjamin formuliert hat: «Vergangenes historisch artikulieren heisst nicht, es erkennen, wie es denn eigentlich gewesen ist. Es heisst, sich einer Erinnerung zu bemächtigen, wie sie im Augenblick einer Gefahr aufblitzt.»(1)

Ich möchte Ihnen gern sagen: Bleiben Sie Lesende. Denn die Welt, die sich uns täglich komplexer und undurchdringbarer präsentiert, muss immer wieder neu entziffert werden. Meine beiden Abschlussklassen mögen sich erinnern, dass wir den Unterricht im ersten Jahr mit der Deutung der Grimm’schen Märchen begonnen haben. Was bedeutet es, wenn Rotkäppchen vom Weg abkommt. Warum ist Hans im Glück ein schlechter Wirtschafter? Warum kann Frau Holle Schnee machen? Wir haben damals an der Textfantasie unsere Lebensfantasie geübt. Wir haben an der Entzifferung dieser Geschichten das Verständnis für das eigene Leben gefördert. Wir haben aus alten Texten einen Splitter Zukunft herausgeschlagen. Die Lektüre hat unseren Möglichkeitssinn gestärkt. Der Möglichkeitssinn hilft, die Zukunft genauer in den Blick zu nehmen und sie nach eigenen Wünschen zu gestalten – oder zumindest mitzugestalten. «Leser», sagt der Schriftsteller Martin Walser, «sind Leute, deren Wünsche und Hoffnungen noch nicht erfüllt, aber auch noch nicht vernichtet sind. Also sind wir Leser überhaupt der Landeplatz der Zukunft.» (2)

Als Maturi und Maturae sind Sie reif, ins Leben hinaus zu treten und Ihre Zukunft zu gestalten. Tun Sie es nicht zu schnell, verweilen Sie einen Augenblick auf der Schwelle. Denn Schwellen, das wissen Sie aus den Grimm’schen Märchen, können verwandeln. Und betreten Sie dann verwandelt die Zukunft, mit dem Mut zum Experiment. Das Leben muss gewonnen werden, man hat es nicht einfach in der Tasche. Das Experimentieren-Können verleiht Ihnen die notwendige Offenheit. Und die Zeit des Corona-Stillstands kann Sie daran erinnern, dass nicht jeder Wunsch gleich erfüllt werden muss. Sie könnte sich nicht nur als nützlich erweisen, sondern Ihnen ein Stück Freiheit schenken.

Ich gratuliere Ihnen und wünsche Ihnen alles Gute für Ihre Zukunft.

© Martin R. Dean

  1. Walter Benjamin: Über den Begriff der Geschichte.
  1. Martin Walser, Spiegel Nr 20/9.5.2020

Martin R. Dean

Martin R. Dean war am 14. Juni Gast bei SRF 2 in der Sendung Musik und unterhielt sich mit Michael Luisier auch über diese Rede und über den Unterricht, über Männlichkeit, über Empathie, über Liebe und über das Schreiben:

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