Das Recht auf die eigene Geschichte

Martin R. Dean

Rede zum Menschenrechtstag am 15. November 2018

von Martin R. Dean (Foto: Nu)

Liebe Schülerinnen und Schüler,

liebe Kolleginnen und Kollegen,

geehrte Schulleiterin, geehrte Schulleiter,

Sie hören, wie pedantisch ich die männlichen und weiblichen Anredeformen gebrauche. Mit dieser Höflichkeitsformel komme ich sprachlich einem Menschenrecht nach, das die Gleichstellung von Mann und Frau fordert.

Artikel 2 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, 1948

Jede Person hat Anspruch auf die in dieser Erklärung verkündeten Rechte und Freiheiten ohne irgendeinen Unterschied, etwa nach Rasse, Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Überzeugung, nationaler oder sozialer Herkunft, Vermögen, Geburt oder sonstigem Stand.

Als Erbe der Aufklärung sind die Menschenrechte konzipiert als vorstaatliche Rechte, die jeden Menschen gegenüber den Übergriffen organisierter Kollektive, insbesondere also den Staaten, schützen. Ein Regelwerk, das Übergriffe auf das Individuum abwehrt, auch und gerade dort, wo man ihm seine Rechte streitig macht. Denkt man an all die gefangenen oder ermordeten Journalisten oder heute, am 15. November, dem Writers in Prison Day, an die mundtot gemachten Schreibenden, an die immer krassere Unterdrückung der Minderheiten, an die Aushebelung der judikativen Gewalt durch Populisten wie Trump, Orban, Salvini oder Strache, fällt einem wieder das Wort des englischen Staatstheoretikers Thomas Hobbes aus dem 16. Jahrhundert ein: „Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf.“ Menschenrechte sind also dazu da, das Wölfische im Menschen im Zaum zu halten.

Demokratien brauchen aufgeklärte, wissende Menschen, die Fake News und Manipulationen durchschauen. Die Produktionsstätte von Wissen und Aufklärung sind die Schulen, weswegen es auch ein Menschenrecht auf Bildung gibt.

Artikel 26 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, 1948

  1. Jede Person hat das Recht auf Bildung. Die Bildung soll unentgeltlich sein, wenigstens auf der Primar- und Sekundarschulstufe. Der Grundschulunterricht ist obligatorisch. 
  2. Die Bildung muss auf die volle Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit und auf die Stärkung der Achtung vor den Menschenrechten und der grundlegenden Freiheiten ausgerichtet sein. Sie muss zu Verständnis, Toleranz und Freundschaft zwischen allen Völkern und allen rassischen oder religiösen Gruppen beitragen und die Tätigkeit der Vereinten Nationen für die Erhaltung des Friedens fördern.
  3. Die Eltern haben ein vorrangiges Recht, die Art der Bildung zu wählen, die ihre Kinder erhalten sollen.

Nun denken Sie gewiss daran, wie Sie sich jeden Morgen in aller Herrgottsfrühe aus dem Bett quälen, um dieses Menschenrecht wahrzunehmen, und lieber nicht davon Gebrauch machen würden. Dann erinnern Sie sich an all die Kids, die, statt in die Schule zu gehen, in Gruben, Minen und Fabriken schuften, um billige Kleider zu nähen oder Rohstoffe für Handys zu gewinnen. Diesen Jugendlichen wird das Recht auf Bildung vorenthalten, das den Zugang zu einer unentgeltlichen Grundschulbildung für alle umfasst, sowie das Recht der Erziehungsberechtigten, ihre Kinder in eine Schule ihrer Wahl zu schicken, sofern diese die staatlichen Minimalstandards erfüllt.

Menschenrechte müssen weiterentwickelt und immer neu ausgelegt werden. Zu den dringenden Anliegen gehört der Abbau von Diskriminierungen und Schranken gegenüber Minderheiten, auch an den Schulen. Rund ein Viertel aller Schülerinnen und Schüler des Muttenzer Gymnasiums, würde ich schätzen, haben einen sogenannten Migrationshintergrund. Ein Blick in die Klassenlisten lässt aus der Vielfalt, aus der Diversität der Namen unserer Schülerschaft ein Bild entstehen, das mich an eine Kunstarbeit erinnert, welche ich in den Herbstferien im Orto Botanico in Palermo gesehen habe. Der italienische Künstler Leone Contini hat darin ein Kürbisfeld angelegt, in dem er Pflanzensamen, die chinesische, arabische, philippinische und sri-lankische Einwanderer nach Italien gebracht haben, mit einheimischen Samen in die Erde setzte. In zehn Jahren ist so ein bunter Garten der Artenvielfalt mit wunderbaren Formen entstanden, vergleichbar mit dem Bild einer Gesellschaft, in der Menschen verschiedenster Herkunft entspannt miteinander leben und voneinander lernen. Dennoch haben sie ganz unterschiedliche Geschichten.

Als Schriftsteller interessieren mich Geschichten, denn ohne Geschichte hat nicht nur der Kürbis, sondern auch der Mensch keine Identität. Wir erzählen uns unsere Lebensgeschichte, indem wir die Dinge kausal miteinander verknüpfen, sodass unser Leben einen Sinn ergibt. Dadurch entsteht ein „Script“, wie die Biografieforscher sagen, das sich mit unserem Ich-Gedächtnis verknüpft. Erst wer erzählt, wird seiner eigenen Geschichte mächtig. Bildung ist nichts anderes, als Wissen für die eigene Erfahrung zugänglich zu machen. In den Bildungsanstalten lernen wir nicht nur Stoffe, sondern auch, unsere eigene Geschichte zu erzählen, um über sie zu verfügen.

Dazu gehört der Austausch mit anderen Geschichten. An den Lebensläufen der anderen gewinnt das eigene Leben erst scharfe Konturen. Aber kennen wir die Geschichten der Zugezogenen? Wissen wir, auf welchen Wegen sie hierhergekommen sind? Was der Grund für ihr Weggehen war? Welche Regeln in ihren Gesellschaften fürs Zusammensein gelten? Wie man mit dem Kochen, Essen und Lieben umgeht? Im Kosovo, in Italien, in Sri Lanka, in Albanien oder wo auch immer? Wissen wir, welche Musik ihnen wichtig ist? Wissen wir, wer sie im Land ihrer Eltern oder Grosseltern sind und wer sie hier geworden sind? Wissen wir, was Anpassung heisst, was für Hoffnungen, aber auch welche Ängste damit verbunden sind? Geschichtenerzählen ist einbürgern, sich bekannt machen und Nähe herstellen. Was empfinden wir hier als Heimat, vielleicht ein Pferd, eine Landschaft, verwandte Menschen oder die Kindheit? Was ist Heimat für die, die sie verlassen mussten oder ihr entronnen sind?

Nur wer das Gefühl hat, in allem überlegen zu sein, interessiert sich nicht für die Geschichten der anderen. Gehe ich die Kriegackerstrasse entlang, frage ich mich zuweilen, wer die Geschichten der Geflüchteten anhört? Wären nicht auch gerade sie, die von sehr weit herkommen, auf unsere Geschichten angewiesen, um hier anzukommen? Ich erinnere mich an eine Anekdote, die meine junge Schriftstellerkollegin Meral Kureishi hier am Gymnasium erzählt hat. Sie ging, sagte sie, in Bern über eine Brücke und traf einen traurigen Flüchtling. Was er denn habe, fragte sie. Nichts, sagte er, aber sie sei der erste Mensch, der mit ihm rede.

Diesseits der Kriegackerstrasse, an unserer Schule, haben wir einen geschützten Raum des Erzählens. Die Welt ist zu uns gekommen. Wir können hören, wie es in ihr zu und her geht. Geschichtenerzählen heisst Übersetzen, das Eine ins Andere hinübertragen und das Eigene relativieren. Geschichtenerzählen macht nicht einfach nur klüger, sondern auch bescheiden.

Gewiss, für uns Sprachlehrer ist das Erzählen und Lesen von Geschichten das tägliche Brot. Geschichten vom Weggehen in die Fremde und vom Heimkommen wurden schon wunderbar erzählt vom Weltliteraten Johann Wolfgang von Goethe, vom multikulturellen Gottfried Keller, vom Rassismusexperten Heinrich von Kleist, vom kritischen Patrioten Max Frisch und von der Fluchtexpertin Anna Seghers.

Zuletzt muss es, neben dem Menschenrecht auf Bildung, auch ein Recht geben, im Schulstoff abgebildet zu werden. Jeder und jede sollte das Recht haben, dass seine Geschichte gehört und respektiert wird. Denn wer keine Geschichte hat, der existiert nicht.