Solidarische Lebensformen auf den Ruinen einer traumatisierten Gesellschaft

Seit 2006 hat das Gymnasium Muttenz ein Bauprojekt in dem ukrainischen Dorf Nischnje Selischtsche unterstützt. Unser ehemaliger Konrektor Urs Martin hat sich sehr dafür eingesetzt, dass im Rahmen verschiedener Veranstaltungen Geld für die Renovierung eines Gästehauses im Dorfzentrum gesammelt werden konnte. Seit nunmehr zwei Jahren wird dieses Gästehaus für soziale, kulturelle und humanitäre Projekt genutzt. Einer der Projektverantwortlichen ist Jürgen Kräftner, der organisatorisch wie kommunikativ die Brücke zwischen der Urkaine und der Schweiz bildet. Während einer Konzertreise mit seiner Band “Hudaki” haben wir dieses Interview geführt.

von Timo Kröner (Text); Fotos: Karl Smutko

EF: Wie müssen wir uns Transkarpatien und die Gegend um Nischnje Selischtsche vorstellen?

JK: Transkarpatien ist landschaftlich ähnlich wie in der Schweiz das Toggenburg. Es hat verschiedene Höhen- und Klimastufen, ausgehend von der Pannonischen Tiefebene, wo Pfirsiche, Gemüse und Wein gut wachsen. Dort ist es eher trocken und schon etwas südlich. In den hohen Karpaten dagegen liegt sehr lange Schnee, ungefähr von November bis April, und es regnet häufig. Dort hat es viele Wälder und Schafweiden. Wir sind genau in der Mitte. Bei uns wachsen Äpfel besonders gut. Daneben gibt es eine extensive Rinderhaltung.

Wie lange leben Sie schon dort?

Ich lebe dort seit über zwanzig Jahren in einer Kommune mit sechs Erwachsenen und zwei Kindern. Wir machen unsere eigenen Projekte, wie die Mosterei, die wir seit einigen Jahren betreiben. Daneben bin ich viel mit meiner Band «Hudaki» unterwegs. Eine Kollegin macht seit über zehn Jahren Jugendtheater. Wir haben in Nischnje Selischtsche ein grosses Haus, in dem wir leben.

Wie steht es um das Gästehaus in Nischnje Selischtsche?

Das Gästehaus ist seit 2017 in Betrieb. Dieses Jahr haben wir als Pilotprojekt eine Wasserkläranlage fertiggestellt, also ist das Haus an sich fertig, wobei es immer wieder Sachen gibt, die wir verändern, verbessern oder ausbauen wollen. Seit dieses Haus in Betrieb ist, haben wir gut sehen können, was gut läuft und wo wir noch Bedürfnisse haben. Zum Beispiel müssten wir die Küche mit einer Extra-Trennwand vom Saal abtrennen können. Ein Veranstaltungsraum wäre auch sehr hilfreich. Aber die Basis-Infrastruktur ist in hoher Qualität gebaut. Sie ist so nachhaltig, dass man nicht dauernd etwas daran machen muss.

Wie wird das Gästehaus genutzt und welche Rolle spielt es für euer Dorf?

Das Dorf wurde von der Jugend ja immer als «perspektivloses Loch», wie man das auf Ukrainisch sagt, gesehen. Von dort muss man weg, wenn man Ambitionen hat. Uns war wichtig, dass wir dieses Selbstbild verändern. Dadurch, dass der Ort jetzt von Leuten, die von aussen kommen, als attraktiv angesehen wird, sehen die Leute, die hier leben, ihren Ort wieder mit anderen Augen und entwickeln ein positiveres Selbstverständnis. Daher interessiert uns vor allem die Jugend, bei der unsere Aktivitäten und die Kontakte mit Gruppen, die von aussen kommen, schon etwas auslösen.

Das Gästehaus ist auch regelmässig in Betrieb. Wir haben einige Gruppen, die mit sozialen Projekten in unser Gästehaus kommen und nichts bezahlen. Das betrifft ungefähr 40% der Gruppen. 20-30% der Gruppen können die Betriebskosten zahlen. Das restliche knappe Viertel zahlt den vollen Preis. Das sind z. B. Uni-Gruppen, die hier ihre Seminare abhalten. So können wir Kosten amortisieren und den ganzen Betrieb tragen. Wir hatten jetzt zum zweiten Mal ein Sprachlabor hier, das von einer deutschen Stiftung finanziert wird und in dessen Rahmen interkulturelle Projekte stattfinden. Das bringt nicht nur Geld, sondern gerade für das Dorf und die Region einen kulturellen Mehrwert.

Das Gästehaus beschäftigt auch Leute aus dem Dorf. Die Köchin ist fast ständig anwesend, bewirtet die Gruppen und kümmert sich um die Versorgung, indem sie z. B. Konserven herstellt. Ihre Schwester macht den Unterhalt. Daneben haben wir noch einen Hauswart aus der Nachbarschaft. Ohne diese Leute würde das Haus nicht funktionieren.

Woran erkennt ihr Effekte eures Engagements?

Wir sind nicht in einem Land, in dem man Leute mit Wörtern überzeugen kann. Man kann sie dadurch überzeugen, dass sich ihr Selbstbild verändert und dass sie Resultate sehen. Und das läuft sehr stark über die Jugend: Wenn die Jungen mitmachen, sind die Eltern auch dabei. So gibt es etwa junge Leute, die, beeinflusst von der Theater-Arbeit meiner Kollegin, in kreative Berufe gegangen sind, die selber Filme machen, Schauspiel studieren oder Zirkus machen. Es kommen auch junge Eltern, die mit meiner Kollegin vor zehn oder fünfzehn Jahren gearbeitet haben, mit ihren Kindern wieder. Damals hat Theater oder kreatives Arbeiten überhaupt niemanden interessiert. Die Kinder waren immer begeistert, aber die Älteren haben sich überhaupt nicht dafür interessiert. Jetzt kommt schon die nächste Generation, und schon das ist eine grosse Veränderung.

Wir hatten auch schon drei Jugendlager, zu denen Kinder aus den Kriegsgebieten in der Ostukraine gekommen sind. In den Gebieten um Luhansk herrscht eine andere Kultur, die Sowjetunion hat diese Gegend viel mehr geprägt und hat dort auch viel kaputt gemacht. Unsere Lager dienen dem Abbau von Vorurteilen. Die Kinder sind ja auch Ukrainerinnen und Ukrainer, sie sprechen, obwohl sie aus einer kulturell anders geprägten Region kommen, dieselbe Sprache. So entstehen hier schnell Kontakte und Freundschaften. Dass diese Kinder, die von dem Krieg schwer traumatisiert sind, uns für zwei Wochen in der Westukraine besuchen können, in einem Dorf mit einer intakten Umwelt, ist für sie und uns eine grosse Freude.

Bekommen Sie denn den Konflikt mit Russland mit in Nischnje Selischtsche?

Naja, wir sind vom Kriegsgebiet fast genauso weit entfernt wie von Muttenz. Im täglichen Leben im Dorf betrifft uns dieser Konflikt nicht. Viel einschneidender ist dagegen die wirtschaftliche Lage. 2014/2015 gab es zudem massive Mobilisierungen. Da sind viele Leute weggegangen oder haben sich versteckt. In dieser Hinsicht waren wir direkt von dem Konflikt betroffen. Und natürlich bekommen wir die Berichte in den Medien mit. Aber mittlerweile werden keine Leute mehr mobilisiert, sondern es kämpfen Berufssoldaten, allerdings sind da auch Leute aus unserer Region dabei.

Was motiviert Sie, dort zu leben und solche Projekte zu initiieren?

Ich bin in den 90-er Jahren in eine Gesellschaft gekommen, wo alles extrem chaotisch war und wo alle traumatisiert waren durch den Zusammenbruch der Sowjetunion und die extreme Wirtschaftskrise der 90er-Jahr. Meine Frau zum Beispiel ist nicht aus Transkarpatien, sondern aus der Zentralukraine. In einem historischen Kontext muss man sehen, was die Generationen vor ihr im 20. Jahrhundert mitgemacht haben, wie viele Tote es in den Familien gab, die entweder vom System, also der Sowjetunion, umgebracht wurden oder durch den Krieg und die Vertreibungen gestorben sind. Es gab die Hungersnot in den 30-er Jahren, die der Ukraine von Stalin quasi auferlegt wurde, und in deren Verlauf Millionen gestorben sind. Dann darf man den Exitus der Juden und den Holocaust nicht vergessen. All das hat die Menschen hier sehr stark geprägt.

Trotz alledem lebt die Gemeinschaft in den Dörfern auf eine fast archaische Weise die ihr eigene spontane Hilfsbereitschaft. In Westeuropa gibt es ja für alles fest geregelte Abläufe und wenig Platz für Spontaneität, Nachbarschaftshilfe oder Gastfreundschaft. Wenn man irgendwo reinplatzt, dann ist man nicht unbedingt willkommen.

Hier ist es einfach gang und gäbe, dass man unangemeldet irgendwo hinkommt, und dann wird einem Essen und Dach angeboten, das ist die traditionelle Lebensart. Das hat mich fasziniert. Als Linken hat es mich auch sehr interessiert, wie in einer nachsowjetischen Gesellschaft, in der kollektive Strukturen als etwas Anrüchiges gelten, solidarische Ideale gelebt werden. Ich sehe es für mich als eine Art Lebensaufgabe, sich selbst immer neu zu definieren und herauszufinden, welche solidarischen Lebensformen auf den Ruinen dieser traumatisierten Gesellschaft neu entstehen können.

Dann passt das Gästehaus ja perfekt zu diesem Ort!

Das Gästehaus ist sehr wichtig für die Gemeinde. Da ist zum Beispiel die Köchin, die im alltäglichen Leben die Leute empfängt. Sie lebt diese Mentalität mit ihrer Bescheidenheit und Gastfreundschaft und passt natürlich sehr gut zum Gästehaus als Hausmutter.

Machen Sie auch andere Projekte in der Gegend? 

Wir arbeiten mit ein paar Leuten aus Dorf in einer landwirtschaftlichen Genossenschaft zusammen. Hier hatten die Menschen ja immer Obstbäume, in erster Linie Äpfel und Birnen. Leider verfallen viele dieser alten Obstanlagen. Daher pflanzen wir zurzeit einen grossen Hochstammobstgarten. Wir machen das für unsere Versorgung, aber wir bauen auch eine Baumschule auf, um die Gegend mit guten Bäumen zu versorgen. Der Staat fördert ja die Niedrigstamm-Kultur. Das widerspricht den traditionellen Methoden und macht das Landschaftsbild kaputt. Zudem ist das ökologisch nicht nachhaltig. Dem versuchen wir mit unserer Baumschule langfristig entgegenzuwirken.

Welche Rolle hat das Gymnasium Muttenz bei der Entstehung und dem Umbau des Gästehauses gespielt?

Das Engagement von Urs Martin und seiner Kolleginnen und Kollegen hat uns überhaupt erst den Mut gegeben, das Projekt anzugehen! Wir hatten zeitgleich eine sehr schlechte Erfahrung machen müssen. Im Dorfzentrum steht etwas unterhalb unseres Gästehauses ein riesiges Kulturhaus, das wir damals anfangs der 2000-er Jahre gemietet hatten. Das war unser erstes Projekt auf Kultur- und Jugendarbeitsebene. Leider war das Haus in einem völlig ruinösen Zustand und brauchte ein neues Dach. Wir bekamen dafür eine Finanzierung von der Weltbank, die wiederum über eine staatliche Stiftung der Ukraine lief. Diese Stiftung war durch und durch korrupt und hat unverschämte Forderungen gestellt. Wir wollten aber an dieser Korruption nicht teilnehmen. Also bekamen wir massive Probleme und für mich war schnell klar, dass ich mit dieser staatlichen Verteilung von Geldern in der Ukraine nichts mehr zu tun haben will.

Die Startfinanzierung vom Gymnasium Muttenz hat uns dann den Mut gegeben zu sagen: Ja, wir machen das alles auf privater Basis mit Mitteln aus internationalen Stiftungen. Daher konnten wir auf diese ukrainischen staatlichen Mittel völlig verzichten. So hat es zwar länger gedauert, aber ich bin im Nachhinein sehr froh, dass wir diese Wahl getroffen haben.

Weitere Informationen finden Sie auf unserer Homepage und im Archiv des Entfalterblogs.